- Sterlacchini will Aprilia „ein oder zwei Rennen“ Zeit geben, danach könnten Anweisungen folgen
- Alle vier Aprilia-Fahrer haben rechnerisch noch Titelchancen, Raul Fernandez könnte nach Sepang herausfallen
- Martin und Ai Ogura wechseln 2027 zu Yamaha, Bezzecchi und Fernandez bleiben bei Aprilia
Fünf Rennen vor Schluss der MotoGP-Saison 2026 trennen Jorge Martin und Marc Marquez nur zwei Punkte. Beim Grand Prix von Indonesien in Mandalika feierte Aprilia zwar den ersten Vierfachsieg seiner Geschichte, doch der Vorsprung des WM-Führenden wuchs dadurch nicht. Bezzecchi gewann vor Fernandez, Martin wurde nur Dritter, und Marquez verließ seine schwächste Strecke ohne Punktverlust. Für Aprilia stellt sich deshalb eine Frage, die der Hersteller bisher vermieden hat: Wann müssen die anderen Aprilia-Fahrer zurückstecken, damit Martin den Titel holt? Die Antworten aus Noale fallen unterschiedlich aus, und hinter der Entscheidung stecken mehr Probleme, als es auf den ersten Blick scheint.

Wann führt Aprilia eine Stallorder ein?
Einen festen Termin gibt es nicht, doch Aprilia könnte schon in ein oder zwei Rennen mit Anweisungen an seine Fahrer beginnen. Das hat Technikdirektor Fabiano Sterlacchini nach dem Grand Prix von Indonesien angedeutet.
Gegenüber dem italienischen Sender Sky Italia wurde Sterlacchini deutlich: „The stakes are high, and we must avoid ‚wasting money‘, as has already happened. This isn’t the time for orders; we’ll give ourselves 1-2 races, then we’ll have to draw a line and start handing them out; that’s part of this sport.“ Auf Deutsch: „Es steht viel auf dem Spiel, und wir müssen vermeiden, ‚Geld zu verschwenden‘, wie es bereits passiert ist. Jetzt ist nicht die Zeit für Anweisungen. Wir geben uns ein oder zwei Rennen, dann müssen wir einen Strich ziehen und anfangen, sie zu erteilen. Das gehört zu diesem Sport.“
In der Medienrunde in Mandalika klang er etwas vorsichtiger. Eine Frist habe Aprilia nicht festgelegt, sagte er. Irgendwann in den nächsten Rennen könne aber der Moment kommen, an dem er sich mit Aprilia-Racing-Chef Massimo Rivola zusammensetzt und eine Teamstrategie ohne Wenn und Aber festlegt. Im Moment sei man davon noch ein gutes Stück entfernt, es seien noch viele Punkte zu vergeben und alles sei möglich. Deshalb lasse man den Fahrern vorerst freie Fahrt, wie lange noch, wisse er aber nicht.
Wichtig ist dabei die Reihenfolge, die Sterlacchini beschreibt. Zuerst sollen interne Richtlinien kommen, die Probleme zwischen den eigenen Fahrern vermeiden. Erst danach geht es um echte Anweisungen, also etwa darum, ob ein Fahrer Platz für Martin machen muss.
Streng genommen geht es dabei nicht nur um eine Teamorder. Fernandez und Ogura fahren für das Trackhouse-Team, das die Aprilia RS-GP als Kundenteam einsetzt. Eine Anweisung, die alle vier Fahrer betrifft, wäre also eine Vorgabe des Herstellers über zwei Teams hinweg.
Was hat Massimo Rivola bisher zur Stallorder gesagt?
Rivola hatte eine Stallorder bisher ausgeschlossen, solange ein Fahrer noch rechnerische Titelchancen hat. Sterlacchinis Aussagen deuten nun darauf hin, dass Aprilia diese Grenze früher ziehen könnte.
Ende September, nach dem Grand Prix von Österreich, hatte Rivola gegenüber Sky Italia noch klar Stellung bezogen. Solange die Fahrer die Mathematik auf ihrer Seite hätten, sei es richtig, ihnen die Chance zu geben, um den Titel zu kämpfen. Er hoffe sogar, dass beide Werksfahrer bis zum letzten Rennen rechnerisch im Rennen bleiben. Damals lag Martin zwölf Punkte vor Marquez, Bezzecchi lag als Dritter 42 Punkte hinter Martin, und in sieben Rennen waren noch 259 Punkte zu vergeben.
Dass Aprilia so lange auf Gleichberechtigung gesetzt hat, hat auch mit dem Saisonverlauf zu tun. Bezzecchi hatte in der ersten Saisonhälfte zeitweise 102 Punkte Vorsprung auf Marquez. Danach folgte für ihn ein schwieriger Sommer mit einer Rennsperre sowie Verletzungen an Knie und Schlüsselbein.

Welche Aprilia-Fahrer haben noch Titelchancen?
Rechnerisch haben noch alle vier Aprilia-Fahrer Chancen auf den Titel. Nach Mandalika sind insgesamt nur noch acht Fahrer im Rennen um die Weltmeisterschaft.
Martin führt mit 355 Punkten vor Marquez mit 353 Punkten. Bezzecchi liegt mit 309 Punkten 46 Zähler hinter seinem Teamkollegen. Ogura fehlen 96 Punkte, Fernandez liegt 119 Punkte zurück. In den letzten fünf Rennen sind noch 185 Punkte zu holen. Diese Zahl sinkt mit jedem Wochenende:
- nach Phillip Island auf 148 Punkte
- nach Sepang auf 111 Punkte
- nach Katar auf 74 Punkte
- nach Portimao auf 37 Punkte, dann bleibt nur noch das Finale in Valencia
Fernandez ist damit am nächsten an der Grenze. Bleiben die Abstände so, wie sie sind, wäre er nach Sepang rechnerisch raus. Die Strecke in Malaysia gilt als eines der schwierigeren Rennen für Aprilia. Sicher ist dieses Szenario aber nicht, denn Fernandez hat im Vorjahr auf Phillip Island gewonnen, nachdem Bezzecchi dort eine doppelte Long-Lap-Strafe absitzen musste. Ogura hat gute Chancen, noch mit Titelchancen nach Katar zu reisen.
Ein Unsicherheitsfaktor ist der Kalender selbst. Hinter dem Grand Prix von Katar sollen wegen des Krieges in Westasien Fragezeichen stehen. Fiele das Rennen aus, würde das die Rechnung für alle Fahrer verändern.
Warum ist eine Stallorder für Aprilia so heikel?
Eine Stallorder würde Aprilia zwingen, ausgerechnet den Fahrer zu bevorzugen, der das Team am Saisonende verlässt. Martin wechselt 2027 ebenso wie Ogura zu Yamaha, während Bezzecchi und Fernandez bei Aprilia bleiben.
Bezzecchi gilt als die langfristige Zukunft des Werksteams. Er müsste im Ernstfall für einen Fahrer zurückstecken, der danach für einen Konkurrenten antritt. Für Fernandez und Ogura kommt ein zweites Problem dazu. Würde einer von ihnen einen Platz an Martin abgeben, würde das ihre eigene WM-Platzierung verschlechtern und Trackhouse Punkte in der Teamwertung kosten.
Die beiden Trackhouse-Piloten haben sich vor dem Rennwochenende in Mandalika bereits zu dem Thema geäußert. Fernandez erklärte, er denke im Moment nicht an eine Stallorder. Wenn es in den letzten beiden Rennen um den Titel gehe, werde man weitersehen. Bis dahin fahre er für Trackhouse und wolle das Maximum für sein Team holen. Ogura versprach, nichts „Dummes“ zu machen, wenn Martin oder Bezzecchi vor ihm fahren. Wenn er aber sicher überholen könne, werde er es versuchen.
Wie schnell die Lage zwischen den Fahrern kippen kann, hat der Sprint in Mandalika gezeigt. Fernandez und Bezzecchi starteten aus der ersten Reihe, kollidierten aber schon in der ersten Kurve und schieden beide aus. Fernandez warf Bezzecchi danach vor, unprofessionell gefahren zu sein. Vor dem Sprint hatte es ein Treffen gegeben, bei dem die Botschaft lautete, sich nicht gegenseitig in die Quere zu kommen. Sterlacchini spricht darüber, dass sich solche Situationen nie ganz verhindern lassen, selbst wenn Rollen und Risiken vorher klar besprochen sind.
Am Sonntagmorgen holten Rivola und Sterlacchini die Fahrer deshalb zu einer Gesprächsrunde zusammen. Hier werde alles auf die Spitze getrieben, auch die Einstellung und die Nervosität der Fahrer, sagt Sterlacchini. Oft entstünden Spannungen eher aus Missverständnissen als aus echten Problemen. Man habe sich ausgesprochen, und alles sei gut gelaufen.

Was hätte eine Stallorder in Mandalika verändert?
Im Grand Prix hätte eine Stallorder Martin vier Punkte mehr bringen können. Mit Platz zwei statt Platz drei hätte er Mandalika mit sechs statt zwei Punkten Vorsprung verlassen.
Fernandez fuhr am Sonntag mit gebrochenen Fingern an der rechten Hand auf Platz zwei, direkt vor Martin. Einige brachten danach die Frage auf, ob er später in der Saison gebeten worden wäre, Martin vorbeizulassen. Zu diesem Zeitpunkt gab es eine solche Anweisung aber nicht, und Martin war das ganze Wochenende nicht der schnellste Aprilia-Fahrer. Er selbst erklärte, Bezzecchi und Fernandez seien ihm immer einen Schritt voraus gewesen, Platz drei sei sein Ziel gewesen.
Noch mehr Punkte verlor Martin im Sprint, allerdings nicht wegen seiner Markenkollegen. Er lag schon klar in Führung, als er wegen zu niedrigen Drucks im Vorderreifen Marquez vorbeilassen musste. Kurz vor Schluss verbremste er sich in Kurve 16 und fiel auf Platz vier zurück. Ohne diesen Zwischenfall hätte Martin in der WM elf statt zwei Punkte Vorsprung haben können.
Marquez übersteht seine Problemstrecke ohne Punktverlust
Für Ducati war Mandalika vor allem ein Wochenende zur Schadensbegrenzung. Marquez hatte dort vor diesem Jahr noch nie einen Grand Prix beendet und sich auf der Strecke zweimal schwer verletzt. Am Ende stand ein Sprintsieg, ein sechster Platz im Rennen und derselbe Rückstand wie vor dem Wochenende.
Genau das macht die Stallorder-Frage für Aprilia so drängend. Der Titelkampf zwischen Martin und Marquez wird seit Wochen nur noch über kleine Abstände entschieden. Nach Misano waren beide punktgleich, nach Österreich lag Martin zwölf Punkte vorn, nach Japan und Indonesien jeweils zwei Punkte. Nach Mandalika kommen Strecken, die Marquez und seiner Ducati besser liegen sollen, und auch die Reifenkonstruktion ist dann wieder die gewohnte. In Indonesien bringt Michelin eine steifere Karkasse an die Strecke, mit der die Ducati nicht gut zurechtkommt.
Marquez hat in seiner Karriere noch nie ein direktes Titelduell verloren. Daran erinnerte Aleix Espargaro, Martins enger Freund und früherer Aprilia-Fahrer, der in Mandalika als Ersatzfahrer für Honda am Start war. Jorge Lorenzo kam 2013 nah heran, Andrea Dovizioso zwang Marquez 2017 bis ins Finale nach Valencia. Martin selbst kennt solche Duelle. 2023 und 2024 kämpfte er gegen Francesco Bagnaia um den Titel, im zweiten Anlauf wurde er Weltmeister.
Seinen letzten Grand Prix hat Martin im Mai in Le Mans gewonnen. Dafür stand er zuletzt dreimal in Folge auf dem Podium: als Zweiter in Österreich und Japan, als Dritter in Mandalika. Für den Endspurt setzt er auf Beständigkeit. „For sure, consistency will be super important. Speed will be super important. And to be intelligent“, sagte er. Auf Deutsch: „Sicher wird Beständigkeit sehr wichtig sein. Tempo wird sehr wichtig sein. Und intelligent zu sein.“

Wie reagiert Ducati auf die Stallorder-Debatte?
Ducati rechnet fest damit, dass Aprilia früher oder später Anweisungen erteilt. Teammanager Davide Tardozzi hält das für richtig und logisch und sagt, er würde es selbst genauso machen.
Tardozzi weiß, wovon er spricht. Er war 2017 dabei, als Ducati Jorge Lorenzo im Titelkampf zwischen Dovizioso und Marquez die Anweisung „Mapping 8“ gab. Damit sollte Lorenzo seinem Teamkollegen Dovizioso helfen. Für den Moment sieht Tardozzi Ducati trotz der Aprilia-Überlegenheit gut aufgestellt. Mit zwei Punkten Rückstand anzureisen und mit zwei Punkten Rückstand abzureisen, sei für Ducati ein Erfolg. Wenn man sich in Australien verteidigen könne, sei die Weltmeisterschaft machbar.
Ducati könnte theoretisch selbst Helfer für Marquez einsetzen. Francesco Bagnaia, Fermin Aldeguer und Franco Morbidelli haben rechnerisch keine Titelchancen mehr. Allerdings stand Bagnaia seit der Sommerpause nicht mehr auf dem Podium, Morbidelli fährt selten in die Top Ten, und Aldeguer hat sich in Mandalika die rechte Hand gebrochen. Aprilia hat dagegen häufig mehrere Fahrer, die um Sieg und Podium kämpfen können. Alle vier RS-GP-Piloten haben in dieser Saison schon einen Grand Prix gewonnen.
Wie geht es im MotoGP-Titelkampf nach Mandalika weiter?
Das nächste Rennen findet vom 23. bis 25. Oktober auf Phillip Island in Australien statt. Danach folgen Sepang, Katar, Portimao und das Saisonfinale in Valencia.
Spätestens nach Phillip Island dürfte sich zeigen, ob Aprilia Sterlacchinis Zeitplan einhält. Neben dem Fahrertitel steht auch die Herstellerwertung auf dem Spiel. Vor dem Rennen in Australien liegen Aprilia und Ducati dort nur zwölf Punkte auseinander.
Bezzecchi hat nach seinem ersten Sieg seit Mugello die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Er weiß, dass er weit zurückliegt, will aber bis zum Schluss sein Bestes geben. Hoffnung machen könnten ihm die verbleibenden Strecken: Im Vorjahr gewann er die Grands Prix in Portimao und Valencia. Auf Phillip Island wurde er durch die doppelte Long-Lap-Strafe nach seiner Kollision mit Marquez in Mandalika 2025 eingebremst. Genau darin liegt das Dilemma, vor dem Aprilia steht. Der Hersteller muss abwägen, ob er beide Werksfahrer weiter gleich unterstützt oder alles auf Martin setzt.

Häufige Fragen
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Gibt es bei Aprilia eine Stallorder für Jorge Martin?
Nein, noch nicht. Aprilia lässt seine vier Fahrer vorerst frei gegeneinander fahren. Technikdirektor Fabiano Sterlacchini hat aber angekündigt, dass sich das schon in ein oder zwei Rennen ändern könnte.
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Wann kommt die Aprilia Stallorder?
Ein festes Datum gibt es nicht. Sterlacchini sprach gegenüber Sky Italia von ein oder zwei Rennen, nach denen Aprilia einen Strich ziehen und Anweisungen erteilen müsse. Aprilia-Racing-Chef Massimo Rivola hatte im September noch gesagt, er wolle keine Stallorder, solange ein Fahrer rechnerische Titelchancen hat.
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Wie viele Punkte liegt Bezzecchi hinter Martin?
Marco Bezzecchi liegt nach dem Grand Prix von Indonesien 46 Punkte hinter Jorge Martin. Martin führt mit 355 Punkten vor Marc Marquez mit 353 und Bezzecchi mit 309 Punkten. In den letzten fünf Rennen sind noch 185 Punkte zu vergeben.
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Warum ist eine Stallorder für Aprilia schwierig?
Martin und Ai Ogura wechseln 2027 zu Yamaha, Bezzecchi und Raul Fernandez bleiben bei Aprilia. Aprilia müsste also Fahrer, die langfristig zum Team gehören, für einen scheidenden Fahrer zurückstecken lassen. Für die Trackhouse-Fahrer würde ein Platztausch zudem die eigene WM-Platzierung und Teampunkte kosten.











