- Der Radialkompressor sitzt tief vor dem Motor und wird über Zahnräder direkt von der Kurbelwelle angetrieben
- Im Patent von 2023 saß der Lader noch auf einem Zylinderkopf und hing an der Nockenwelle
- Ob es sich um einen V2 oder einen V4 handelt, verrät der gezeigte Ausschnitt nicht
Aufgeladene Motorräder haben eine wechselvolle Geschichte. BMW fuhr vor dem Zweiten Weltkrieg mit Kompressor-Rennmaschinen erfolgreich Rennen. In den 1980er-Jahren brachten Honda, Kawasaki, Suzuki und Yamaha Turbo-Modelle für die Straße, konnten damit aber nie an den Erfolg ihrer Saugmotoren anknüpfen. Inzwischen kommt das Thema zurück. Moderne Technik und strengere Vorgaben bei Abgas und Verbrauch schieben die Hersteller wieder in Richtung Aufladung. Honda steht mit der V3R E-Compressor kurz vor dem Marktstart, Yamaha und Suzuki arbeiten an eigenen aufgeladenen Motoren, und Kawasaki bietet seit Jahren die H2-Baureihe mit Kompressor an. Jetzt zeigt ein Patent, dass auch Benda ein eigenes Kompressor-Projekt vorantreibt.

Was zeigt das neue Kompressor-Patent von Benda?
Das Patent zeigt einen V-Motor mit obenliegender Nockenwelle, an dem ein Radialkompressor tief vor dem Motorblock sitzt. Angetrieben wird er über Zahnräder direkt von der Kurbelwelle.
Die Zahnräder laufen in einem Fortsatz, der fest in das Motorgehäuse eingegossen ist. Dieser Fortsatz dient gleichzeitig als Halterung für den Kompressor selbst. Damit ist der Lader kein Anbauteil, sondern Teil der Motorkonstruktion.
Wie viele Zylinder der Motor hat, bleibt offen. Das Patent zeigt nur einen Ausschnitt des Triebwerks. Es kann sich deshalb sowohl um einen V2 als auch um einen V4 handeln.
Beim Kompressortyp geht Benda denselben Weg wie Kawasaki bei der H2. Auch dort arbeitet ein Radialverdichter. Die Einbaulage ist aber eine andere: Bei der Kawasaki sitzt der Kompressor oben über dem Getriebe, bei Benda tief vorne vor dem Motor.
Wie funktioniert ein Radialkompressor am Motorrad?
Ein Radialkompressor arbeitet mit einem Verdichterrad, ähnlich wie der Verdichterteil eines Turboladers. Der Unterschied: Er wird mechanisch vom Motor angetrieben und nicht von einer Turbine im Abgasstrom.
Diese Bauart arbeitet am besten bei hohen Drehzahlen. Ein Verdrängerlader, also ein Kompressor, der die Luft mit Schrauben oder Drehkolben portionsweise verdichtet, liefert dagegen mehr Kraft im unteren Drehzahlbereich. Benda hat sich in beiden bisher bekannten Patenten für den Radialverdichter entschieden.

Was hat sich gegenüber dem Benda-Patent von 2023 geändert?
Der größte Unterschied liegt im Antrieb und in der Einbaulage. 2023 saß der Kompressor noch oben auf einem der beiden Zylinderköpfe und wurde vom Nockenwellenantrieb mitgenommen, jetzt hängt er tief vorne direkt an der Kurbelwelle.
Das ältere Konzept war auf möglichst wenig Bauraum ausgelegt. Es hatte aber einen technischen Haken: Die Nockenwelle dreht nur halb so schnell wie die Kurbelwelle. Damit das Verdichterrad trotzdem auf die nötige Drehzahl kommt, musste der Antrieb mit sehr unterschiedlich großen Riemenscheiben stark übersetzt werden. In einem Zusatzteil des Patents schlugen die Ingenieure deshalb einen variablen Antrieb vor. Ein Keilriemen sollte auf Riemenscheiben mit verstellbarer Breite laufen, ähnlich wie bei der stufenlosen Automatik eines Motorrollers. So sollte der Kompressor über das gesamte Drehzahlband möglichst schnell drehen.
Auch der Luftweg war im alten Patent genau beschrieben. Der Kompressor drückte die angesaugte Luft durch einen Ladeluftkühler und eine einzelne Drosselklappe. Danach teilte sich der Ansaugkanal Y-förmig auf die beiden Zylinder auf.
Mit dem neuen Patent fällt der Umweg über die Nockenwelle weg. Der Kompressor bekommt seine Drehzahl jetzt direkt von der Kurbelwelle.
Was ist aus der Benda VTR300 Turbo geworden?
Die VTR300 Turbo hat Benda bis heute nicht auf den Markt gebracht. Ob sie noch kommt, ist offen.
Erste Meldungen zu dem Modell tauchten Ende 2020 auf. Im Januar 2021 zeigte Benda zum chinesischen Neujahrsfest die Umrisse von drei kommenden Motorrädern: dem Cruiser VTC-300, dem Flat-Track-Modell LFS-700 und eben der VTR300 Turbo. Die beiden anderen Modelle kamen noch im selben Jahr in den Handel. Die VTR300 Turbo blieb dagegen aus.
Im Januar 2022 tauchten Designzeichnungen auf, die einen vollverkleideten Sportler zeigten. Zu sehen waren unter anderem eine Upside-down-Gabel, je eine Bremsscheibe vorne und hinten mit Brembo-Bremssattel, ein Auspuff unter dem Motor und ein Gitterrohrrahmen aus Stahl. Seitliche Verkleidungsteile ziehen sich dabei wie die Träger eines Brückenrahmens bis zur Schwinge. Ein Jahr später folgte das Patent mit dem auf der Nockenwelle sitzenden Kompressor.
Der Name sorgte von Anfang an für Fragen. Einen Abgasturbolader zeigte keines der Dokumente. Gut möglich ist, dass das Wort Turbo auf einen Übersetzungsfehler zurückgeht und eigentlich ein Kompressor gemeint war. Ein Kompressor gilt für dieses Konzept ohnehin als die naheliegendere Lösung.
Anfang 2023 räumte Benda zudem ein, Probleme beim Hochfahren der Produktion zu haben. Die neuen Modelle und die Nachfrage der Kunden stellten das Unternehmen damals vor Schwierigkeiten. Das könnte erklären, warum das Sportler-Projekt zurückgestellt wurde.
Welcher Motor steckt in der VTR300?
Als Basis gilt der wassergekühlte V2 mit 298 Kubikzentimetern Hubraum, den Benda in seinen kleinen Cruisern wie der Fox und der VTC-300 einsetzt. Die Zylinder stehen im 60-Grad-Winkel zueinander, die Bohrung beträgt 58 Millimeter, der Hub 56,4 Millimeter.
Ohne Aufladung leistet der Vierventiler 30 PS (22 kW) bei 8.500/min und 23,5 Nm (17,3 lb-ft) bei 7.000/min. Der Euro-5-Motor mit Doppelzündung soll nur 2,7 Liter auf 100 Kilometer verbrauchen. Mit Kompressor gelten bis zu 50 PS (37 kW) als möglich. Für den europäischen A2-Führerschein wäre eine Version mit 48 PS (35 kW) denkbar.

Warum setzt Benda auf Kompressor statt Turbo?
Ein V-Motor eignet sich schlecht für einen Abgasturbolader. Die Krümmer führen bei quer eingebautem V-Motor in zwei verschiedene Richtungen, und die Gemischaufbereitung sitzt zwischen den Zylindern.
Ein Turbo müsste also irgendwo zwischen Krümmer und Einspritzung untergebracht werden. Dafür ist bei diesem Motorlayout kaum Platz. Dazu kommen grundsätzliche Nachteile am Motorrad: Ein Turbolader braucht Bauraum, bringt hohe thermische Belastung mit sich und passt nicht gut zu kleinvolumigen Motoren, die auf hohe Drehzahlen ausgelegt sind. Ein mechanisch angetriebener Kompressor umgeht diese Probleme, weil er nicht im heißen Abgasstrang sitzt.
Wie passt das Kompressor-Projekt zur Motorentechnik von Benda?
Benda gehört in China zu den Herstellern, die neue Motorkonzepte am schnellsten umsetzen. Die Marke entwickelte als erste chinesische Firma einen eigenen Vierzylinder, den Reihenmotor der LFC700.
Auch den ersten V4 aus chinesischer Produktion brachte Benda in Serie, noch vor allen anderen Herstellern des Landes. Bereits im September 2021 zeigte das Unternehmen dafür zwei V4-Motoren mit 1.200 und 500 Kubikzentimetern. Später kamen ein an BMW angelehnter Reihensechszylinder sowie Boxermotoren mit 250 und 700 Kubikzentimetern dazu, die ebenfalls in Serie gehen sollen.
Mit dem Kompressor-Patent reiht sich Benda in die Gruppe der Hersteller ein, die mit Aufladung an der Zukunft des Verbrennungsmotors arbeiten. Während Honda auf einen elektrisch angetriebenen Kompressor setzt und Kawasaki seinen Radialverdichter seit Jahren in Serie verbaut, wählt Benda einen rein mechanischen Antrieb über die Kurbelwelle.

Wann kommt ein Benda-Motorrad mit Kompressor?
Einen Termin für ein Serienmodell gibt es nicht. Das Patent zeigt zunächst nur, dass Benda an der Technik weiterarbeitet.
Ob der neue Motor am Ende doch noch in der VTR300 landet, ist offen. Ausgeschlossen ist es nicht. Ein so aufwendiges Projekt braucht erfahrungsgemäß viel Zeit, bis es serienreif ist. Seit der ersten Ankündigung sind inzwischen fast sechs Jahre vergangen.

Häufige Fragen
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Was ist der Benda Kompressor?
Der Benda Kompressor ist ein Radialverdichter, den der chinesische Hersteller für einen aufgeladenen V-Motor entwickelt. Laut dem neuen Patent sitzt er tief vor dem Motor und wird über Zahnräder von der Kurbelwelle angetrieben. Ob der Motor zwei oder vier Zylinder hat, ist bisher nicht bekannt.
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Hat die Benda VTR300 einen Turbo oder einen Kompressor?
Trotz ihres Namens deutet bei der VTR300 Turbo alles auf einen Kompressor hin. Kein bisher bekanntes Dokument zeigt einen Abgasturbolader. Der Zusatz Turbo geht möglicherweise auf einen Übersetzungsfehler zurück.
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Wie viel PS hat die Benda VTR300?
Offizielle Leistungsdaten gibt es nicht. Der zugrunde liegende 298er-V2 leistet ohne Aufladung 30 PS (22 kW) bei 8.500/min, mit Kompressor gelten bis zu 50 PS (37 kW) als möglich. Für den A2-Führerschein wäre eine 48-PS-Version denkbar.
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Wann kommt die Benda VTR300 auf den Markt?
Ein Marktstart ist nicht angekündigt. Benda hatte das Modell bereits für 2021 in Aussicht gestellt, es aber nie vorgestellt. Das neue Kompressor-Patent zeigt jedoch, dass das Unternehmen an der Aufladung weiterarbeitet.












