- Martin fiel mit Armpump auf Platz fünf zurück und will nach dem Österreich-GP über eine Operation entscheiden
- Marc Marquez führt die Weltmeisterschaft erstmals in dieser Saison an, punktgleich mit Martin bei 274 Zählern
- Ducati-Teammanager Davide Tardozzi sieht acht Rennen vor Saisonende keine Favoriten
Das Rennen in Misano war nach 27 Runden entschieden, die Erklärungen dafür kamen erst danach. In den Interviews nach dem 14. Lauf der MotoGP-Saison 2026 ging es weniger um Platzierungen als um Ursachen: um einen Unterarm, der nicht mehr mitspielte, um einen Bremspunkt bei vollem Tank, um ein Bremsproblem am 200. Grand Prix und um die Frage, wie viel die neue Tabellenführung von Marc Marquez wirklich wert ist. Vieles davon wird die kommenden Wochen stärker prägen als das Ergebnis selbst.

Warum ist Jorge Martin in Misano eingebrochen?
Martin litt ab der Rennmitte unter Armpump und verlor dadurch die Kontrolle über sein Motorrad. Er kam als Fünfter ins Ziel und gab damit auch die WM-Führung ab.
Der Aprilia-Pilot war stark ins Rennen gekommen, hatte Marquez überholt und sich an der Spitze sogar leicht abgesetzt. Ab der zwölften Runde ging es rückwärts. Über die Ursache spricht Martin ohne Umschweife: „I had a big issue with arm pump“, auf Deutsch also, dass er ein großes Problem mit Armpump gehabt habe. Er schildert, dass zuerst das Bremsen schwerer fiel, dann das Öffnen des Gasgriffs, und dass jede Runde schlimmer wurde als die vorherige. Am Ende habe er nichts mehr ausrichten können: „I was completely out of control of the bike“, er habe also das Motorrad komplett nicht mehr unter Kontrolle gehabt.
Armpump bezeichnet eine schmerzhafte Verhärtung der Unterarmmuskulatur, die mit einem deutlichen Kraftverlust einhergeht. Fachlich handelt es sich um ein Kompartmentsyndrom, also einen zu hohen Druck innerhalb einer Muskelloge. Für Rennfahrer ist das besonders folgenreich, weil genau die Muskeln betroffen sind, die Bremshebel und Gasgriff bedienen. Martin selbst beschreibt es so, dass sein Arm sich zugezogen habe und viele Fahrer an ihm vorbeigekommen seien, weil er nicht einmal mehr den Gasgriff drehen konnte.
Überraschend kam das Problem in dieser Schärfe auch für ihn. Er räumt ein, am Wochenende bereits etwas gekämpft zu haben, habe aber nicht erwartet, dass daraus das Thema des Rennens wird. Am Freitag habe ihn der Arm gestört, was er an dieser Strecke gewohnt sei, im Sprint am Samstag sei es trotz Erschöpfung noch gegangen.
Muss sich Jorge Martin operieren lassen?
Eine Entscheidung gibt es noch nicht. Martin will den Grand Prix von Österreich am kommenden Wochenende als Test nutzen und erst danach gemeinsam mit Ärzten klären, ob ein Eingriff nötig ist.
Der Weltmeister von 2024 hat Armpump schon einmal operieren lassen und danach über Jahre keine Beschwerden mehr gehabt. Er verweist darauf, dass es bei anderen Fahrern nach längerer Zeit zurückkam und eine zweite Operation nötig wurde. Ob das bei ihm ebenfalls so ist, will er nicht vorwegnehmen. Entscheidend sei für ihn die Erholungszeit, denn der Kalender lässt im Herbst kaum Luft.
Genau darin liegt das Dilemma. Martin betont, dass ihm sportlich nichts fehle, er spricht über Tempo, Motorrad und Team als vorhanden und nennt einzig den Arm als offene Frage. Für Österreich rechnet er nicht mit Problemen, sicher ist er sich aber nicht. Er formuliert die Konsequenz selbst sehr klar: „So, it could be the big issue of losing this championship or not.“ Auf Deutsch bedeutet das, dass es das große Thema werden könnte, an dem diese Weltmeisterschaft hängt, oder eben auch nicht.

Warum sagt Marc Marquez, dass er sich wieder frei fühlt?
Marquez führt seinen Aufschwung auf zwei mentale Schritte zurück: den Sieg in Aragon und ein Foto seiner rechten Schulter, das er in der Woche danach in den sozialen Netzwerken veröffentlichte.
Gegenüber der Sendung After the Flag von MotoGP.com beschrieb er seinen Zustand in Misano mit den Worten „I felt free, relaxed, especially the mentality was flowing“, also dass er sich frei und entspannt gefühlt habe und vor allem der Kopf mitgespielt habe. In der Pressekonferenz wiederholte er den Kern: Der Sieg in Aragon habe ihm einen Schub gegeben, das, was in der Woche danach passierte, das nötige Selbstvertrauen.
Mit dem Bild seiner lädierten Schulter beendete Marquez die monatelangen Spekulationen über seinen tatsächlichen körperlichen Zustand. Er spricht darüber, dass ihn dieser Schritt entlastet habe, weil nun für alle offen liege, dass er mit dem arbeite, was er hat. Der Hintergrund liegt im Vorjahr: Seit einem Sturz beim Indonesien-GP im Oktober plagte ihn ein Nervenproblem in der rechten Schulter, das operiert werden musste. Beim Grand Prix von Großbritannien fehlte ihm die Kraft im rechten Arm, dort blieben nur zwei siebte Plätze.
Wie Marquez seine Rennwochenenden umgestellt hat
Der Ducati-Pilot verteilt seine Kräfte inzwischen anders über das Wochenende. Er verzichtet bewusst auf Attacken im ersten Freien Training und fährt im Warm-up nur wenige Runden.
Leicht fällt ihm das nicht. Er beschreibt, dass man mitfahren wolle, wenn die anderen viel fahren, und dass sich das Gefühl einstelle, sonst Zeit zu verlieren. Trotzdem hält er an dem Ansatz fest, der schon in Aragon aufging. Im Rennen zeigte sich dasselbe Muster: Zu Beginn nahm er Tempo heraus und ließ Martin vorbei, in der zweiten Hälfte zog er wieder an.
Sein Bruder Alex Marquez, der als Zweiter mit 0,657 Sekunden Rückstand ins Ziel kam, hat das aus nächster Nähe beobachtet. Er schildert, dass Marc immer dann angegriffen habe, wenn er selbst angriff, und immer dann lockerließ, wenn er selbst lockerließ. Sein Fazit: „he was playing a little bit“, er habe also ein wenig gespielt. Alex Marquez schätzt den Unterschied auf etwa eine Zehntelsekunde Rhythmus, was in Misano viel sei.
Ducati-Chef Claudio Domenicali sieht darin eine Entwicklung. Gegenüber Sky sagte er, Champions verstünden es, sich weiterzuentwickeln. Aus seiner Sicht habe Marquez zu Honda-Zeiten das Stürzen geradezu zum Verfahren gemacht, weil er freitags und samstags permanent das Limit ausgetestet habe. Das könne er sich heute nicht mehr leisten, weil sein Körper das nicht mehr trage.

Warum spricht Ducati trotz der WM-Führung nicht von einem Favoriten?
Teammanager Davide Tardozzi verweist auf acht ausstehende Rennen und auf Strecken, die Aprilia liegen. Er lehnt es ausdrücklich ab, sein Team in der Favoritenrolle zu sehen.
Tardozzi erklärte gegenüber der offiziellen MotoGP-Website, Marquez habe in Misano gezeigt, wer er ist. Gleichzeitig wisse man um die Gegner, die Fahrer und das Motorrad. Seine Vorgabe lautet, Rennen für Rennen zu arbeiten und dort möglichst viele Punkte zu sammeln, wo Ducati nicht die schnellste Maschine stellt. Auf die Favoritenfrage antwortete er knapp: „There are no favourites in this moment“, zu diesem Zeitpunkt gebe es also keine Favoriten.
Bemerkenswert ist die Ausgangslage, auf die sich das bezieht. Nach dem Italien-GP Ende Mai lag Marquez 102 Punkte hinter der Spitze. Nur 105 Tage und sieben Grands Prix später steht er selbst oben. Neun der vergangenen 14 Rennen gingen an ihn, zuletzt gewann er vier Läufe in Serie, zwei Sprints und zwei Grands Prix.
Wer hinter dem Podium noch Erklärungsbedarf hatte
Nicht nur an der Spitze gab es Gründe für das Ergebnis. Bei Fabio Di Giannantonio, Pedro Acosta und Fermin Aldeguer lagen die Ursachen jeweils woanders.
Di Giannantonio bestritt in Misano seinen 200. Grand Prix und wurde Siebter. Von Startplatz vier kommend musste er in der ersten Kurve ausweichen, um Aldeguer nicht zu treffen, und verlor Positionen. Kurz darauf kam ein Bremsproblem dazu. Er beschreibt, dass der Hebel von Runde zu Runde weiter weg und härter wurde, obwohl er ihn näher heranholen wollte. „It was really difficult to stop the bike“, es sei also wirklich schwierig gewesen, das Motorrad zum Stehen zu bringen. Überholmanöver gelangen ihm nach eigener Darstellung nur, weil Luca Marini und Franco Morbidelli Fehler machten. Kraft kostete ihn der Defekt zusätzlich, weil er ständig unter Anspannung bremste, ohne zu wissen, wo die Ducati stehen bleiben würde.
Acosta fuhr auf Rang drei sein zweites Podium in Folge und stufte das Rennen höher ein als seinen zweiten Platz in Aragon. In Runde 23 von 27 setzte er seine schnellste Rennrunde und kam bis auf 1,687 Sekunden an den Führenden heran. Dann blockierte in Kurve 7 das Vorderrad. Für ihn war das der Moment, das Tempo herauszunehmen, wie er selbst schildert: „now it’s time to chill a bit“, es sei also Zeit gewesen, etwas herunterzufahren. Zuvor hatte KTM das Motorrad nach dem schwachen Samstag nach seinen Worten komplett umgebaut.
Aldeguer fing Martin in der Schlussphase noch ab und wurde Vierter. Auch er fuhr angeschlagen: Gegen Rennende bereitete ihm vor allem sein Bein Probleme, für Österreich rechnet er wieder mit voller körperlicher Belastbarkeit.

Wie Marco Bezzecchi seinen Sturz einordnet
Bezzecchi nimmt den Fehler vollständig auf sich und nennt den vollen Tank als Faktor. Von der Theorie, er habe vor heimischem Publikum zu viel gewollt, hält er nichts.
Der Italiener hatte am Samstag als erster Fahrer überhaupt eine Runde unter 1:30 Minuten in Misano gedreht und stand auf der Pole. Nach knapp einer halben Runde in Führung verlor er in Kurve 13 das Vorderrad. Er schildert, dass man den Bremspunkt mit vollem Tank genauer treffen müsse, dass ihn der schnelle Streckenteil durchgeschüttelt habe und er die Linie beim Bremsen nicht mehr sauber schließen konnte.
Aprilia-Teammanager Paolo Bonora hatte vor dem Start ausdrücklich zur Zurückhaltung geraten und darauf verwiesen, dass ein langes Rennen bei diesen Temperaturen Geduld verlange. Bezzecchi räumt im Nachhinein ein, dass sein Chef richtig lag. Den Vorwurf übertriebener Heimmotivation weist er trotzdem zurück: Wer von ganz vorn starte, wolle gewinnen, und dabei sei es egal, ob das Rennen in Misano stattfinde oder anderswo. Verletzt hat er sich nicht. Sein Fazit fällt nüchtern aus: Die Zeit lasse sich nicht zurückdrehen, und in der kommenden Woche stehe bereits Spielberg an.
Mit 241 Punkten liegt Bezzecchi nun 33 Zähler hinter der Spitze. Es war sein fünfter Grand Prix ohne Punkte in dieser Saison.
Was das Ergebnis über die Kräfteverhältnisse sagt
Die ersten sechs Plätze gingen in Italien an spanische Fahrer. Der beste Italiener lag mehr als 20 Sekunden zurück, während die italienischen Hersteller die Spitze unter sich ausmachten.
Es war das 30. rein spanische Podium in der Geschichte der Königsklasse. Das erste gab es 2012 mit Dani Pedrosa, Jorge Lorenzo und Alvaro Bautista. Dass Spanien darüber hinaus alle vier Spitzenplätze belegt, kam zuvor nur ein einziges Mal vor, 2022 in Termas de Rio Hondo. Auch in Moto2 und Moto3 gewannen in Misano mit Manu Gonzalez und Maximo Quiles spanische Fahrer.
Für die Hersteller sieht die Rechnung anders aus. Ducati und Aprilia machen den Titelkampf unter sich aus, nach dem Rennen übernahm Ducati mit zwei Punkten Vorsprung die Führung in der Konstrukteurswertung. Domenicali verweist darauf, dass die schnellste Aprilia am Sonntag weit zurücklag, während mehrere Ducati vorn fuhren, und dass sein Unternehmen parallel die 850er entwickelt. Zu Saisonbeginn habe man sich bei Ducati Sorgen gemacht, weil Aprilia außerordentliche Arbeit geleistet habe.
Weiter geht es bereits am kommenden Wochenende mit dem Grand Prix von Österreich auf dem Red-Bull-Ring vom 18. bis 20. September. Für Martin ist dieses Rennen der Test, an dem sich die Operationsfrage entscheidet. Für Aprilia sind es acht verbleibende Gelegenheiten, den Rückstand aus dem Heimrennen wieder aufzuholen.

Häufige Fragen
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Was ist bei Jorge Martin in Misano mit dem Armpump passiert?
Martin führte das Rennen zwischenzeitlich an und setzte sich leicht ab. Ab der Rennmitte verhärtete sich seine Unterarmmuskulatur so stark, dass ihm Bremsen und Gasgeben nicht mehr möglich waren. Er fiel auf Platz fünf zurück und verlor die WM-Führung.
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Was bedeutet Armpump im Motorradsport?
Armpump ist eine schmerzhafte Verhärtung der Unterarmmuskulatur mit gleichzeitigem Kraftverlust. Fachlich wird es als Kompartmentsyndrom bezeichnet. Unter Rennfahrern ist das Problem weit verbreitet, viele lassen es operativ behandeln.
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Wann entscheidet sich, ob Jorge Martin operiert wird?
Nach dem Grand Prix von Österreich am kommenden Wochenende. Martin will das Rennen als Test nutzen und anschließend mit Ärzten die Erholungszeit abwägen. Er betont, die Chance auf den Titelkampf nicht verlieren zu wollen.
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Warum sagt Marc Marquez, dass er sich frei fühlt?
Er nennt zwei Auslöser: den Sieg in Aragon und das Foto seiner rechten Schulter, das er in der Woche danach veröffentlichte. Damit beendete er die Spekulationen über seinen körperlichen Zustand. Seither geht er die Rennwochenenden mit bewusstem Kräftemanagement an.
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Warum sieht Ducati sich nicht als Favorit im Titelkampf?
Teammanager Davide Tardozzi verweist auf acht ausstehende Rennen und darauf, dass Aprilia auf einigen Strecken schneller sein wird. Sein Ziel ist, auch dort Punkte zu sammeln, wo Ducati nicht das stärkste Paket hat.











