- Die LiveWire Aktie verlor am 29. Oktober 2026 bis zum Handelsschluss fast 44 Prozent und schloss bei circa 0,81 Euro / 0,90 US-Dollar.
- LiveWire hat erhebliche Zweifel an der eigenen Fortführung geäußert und die Prognose für 2026 zurückgezogen.
- Harley-Davidson hält knapp 90 Prozent an LiveWire, will die laufenden Verluste aber nicht mehr bezahlen.
Mit den Zahlen zum dritten Quartal hat LiveWire am 29. Oktober 2026 eine Warnung veröffentlicht, die an der Börse sofort Wirkung zeigte. Das Management bezweifelt, dass das Unternehmen die nächsten zwölf Monate ohne frisches Geld durchhält. Gleichzeitig strich die Elektromotorrad-Marke von Harley-Davidson ihre Jahresprognose. Am selben Vormittag machte Harley-Chef Artie Starrs klar, dass der Mutterkonzern die Verluste nicht auffangen wird. Der Kurssturz ist der vorläufige Endpunkt turbulenter Tage: Erst eine Woche zuvor hatte LiveWire seinen langjährigen Chef Karim Donnez verloren und einen Sanierungsexperten an die Spitze gesetzt.

Warum ist die LiveWire Aktie am 29. Oktober 2026 so stark gefallen?
Auslöser waren die Warnung vor einem möglichen Ende des Unternehmens und die zurückgezogene Jahresprognose. Bis 10 Uhr Ortszeit in New York lag das Papier 42 Prozent im Minus, zum Handelsschluss waren es knapp 44 Prozent.
Der Schlusskurs von circa 0,81 Euro / 0,90 US-Dollar ist für LiveWire kein neuer Tiefpunkt. Schon vor dem Einbruch hatte die Aktie seit Jahresbeginn mehr als 60 Prozent verloren. Im Juli rutschte sie sogar unter circa 0,90 Euro / 1 US-Dollar. Am 23. Juli bekam LiveWire deshalb Post von der New Yorker Börse NYSE. Deren Regeln verlangen, dass der durchschnittliche Schlusskurs über 30 Handelstage mindestens einen US-Dollar beträgt. Ein Unternehmen hat dann sechs Monate Zeit, den Kurs wieder über diese Marke zu bringen. Gelingt das nicht, droht der Rauswurf von der NYSE und der Wechsel in den außerbörslichen Handel.
Damals kam die Rettung schnell. Gute Zahlen für das zweite Quartal mit einem Rekordabsatz von 267 Motorrädern ließen den Kurs von circa 0,69 Euro / 0,77 US-Dollar binnen weniger Tage auf über circa 1,79 Euro / 2 US-Dollar steigen. Am 31. Juli schloss die Aktie bei circa 1,62 Euro / 1,81 US-Dollar. Mit dem aktuellen Schlusskurs liegt sie nun wieder unter der Ein-Dollar-Grenze der NYSE.
Was bedeutet die Going-Concern-Warnung von LiveWire?
Mit einer Going-Concern-Warnung räumt ein börsennotiertes Unternehmen ein, dass es ernsthaft an seiner eigenen Fortführung zweifelt. LiveWire bezieht diese Zweifel auf das Jahr nach Veröffentlichung des Abschlusses zum 30. September 2026.
Als Gründe nennt das Unternehmen vier Punkte, die eng zusammenhängen. Das laufende Geschäft verliert seit Jahren Geld, und es fließt mehr Geld ab als herein. Die Reserven sind knapp, und für die Zukunft wird weiteres Kapital gebraucht. Eine Insolvenz oder die Einstellung des Geschäfts hat LiveWire nicht angekündigt. Stattdessen sucht das Unternehmen nach Auswegen: große Kapitalerhöhungen, strategische Partner oder Investoren, Verkäufe oder andere Transaktionen. Ob das gelingt, ist offen. LiveWire weist selbst darauf hin, dass es keine Garantie für einen Erfolg gibt.
Die bisherige Prognose für 2026 sah einen operativen Verlust von circa 62,7 bis 71,6 Millionen Euro / 70 bis 80 Millionen US-Dollar vor. LiveWire hat sie zurückgezogen, weil ein neu gebildetes Gremium nun alle Optionen von der Finanzierung bis zum Verkauf prüft. Mehr Details zur Liquidität sollen im Quartalsbericht folgen, den LiveWire bis zum 9. November 2026 bei der US-Börsenaufsicht SEC einreichen will.

Wie steht LiveWire finanziell da?
Der Umsatz wächst, doch die Verluste bleiben hoch und das Geld wird knapp. Im dritten Quartal 2026 stieg der Umsatz um 38 Prozent auf circa 7,1 Millionen Euro / 7,9 Millionen US-Dollar, der Nettoverlust lag bei circa 16,6 Millionen Euro / 18,6 Millionen US-Dollar.
Ein Jahr zuvor waren es circa 17,4 Millionen Euro / 19,4 Millionen US-Dollar Verlust, die Lage hat sich also nur leicht verbessert. Auf den ersten Blick wirken auch die Stückzahlen ordentlich: LiveWire meldet 7.233 verkaufte Einheiten und damit 21 Prozent mehr als im Vorjahr. Davon entfallen aber 6.992 auf Elektro-Laufräder und E-Bikes der Kindermarke STACYC. Echte Motorräder hat LiveWire im Quartal nur 241 verkauft, nach 184 im Vorjahr. Das ist ein Plus von 31 Prozent, aber weniger als die 267 Maschinen aus dem zweiten Quartal. Mit Motorrädern setzte LiveWire circa 2,4 Millionen Euro / 2,7 Millionen US-Dollar um.
Nach neun Monaten steht ein Nettoverlust von circa 49,2 Millionen Euro / 55,0 Millionen US-Dollar zu Buche, bei circa 19,8 Millionen Euro / 22,1 Millionen US-Dollar Umsatz. Das laufende Geschäft hat in dieser Zeit circa 34,3 Millionen Euro / 38,3 Millionen US-Dollar verbraucht. Entsprechend schrumpfen die Reserven. Ende 2025 hatte LiveWire noch circa 74,1 Millionen Euro / 82,8 Millionen US-Dollar an flüssigen Mitteln, am 30. September 2026 waren es nur noch circa 35,7 Millionen Euro / 39,9 Millionen US-Dollar. Das Eigenkapital ist von circa 41,2 Millionen Euro / 46,0 Millionen US-Dollar auf circa minus 4,9 Millionen Euro / minus 5,5 Millionen US-Dollar gefallen. Die Verbindlichkeiten summieren sich auf circa 97,9 Millionen Euro / 109,4 Millionen US-Dollar.
Den größten Brocken bildet ein langfristiges Darlehen über circa 68,7 Millionen Euro / 76,8 Millionen US-Dollar. Es stammt von einer dem Unternehmen nahestehenden Partei und wird im Dezember 2027 fällig. Harley-Davidson hatte LiveWire im November 2025 eine Kreditlinie über bis zu circa 67,1 Millionen Euro / 75 Millionen US-Dollar eingeräumt. Die nahende Fälligkeit war ausdrücklich ein Grund für den Umbau an der Spitze.
Wie eng es werden kann, zeigte eine Frage bei Harleys Telefonkonferenz mit Analysten. Citi-Analyst James Hardiman rechnete vor, dass sich die rund 35,8 Millionen Euro / 40 Millionen US-Dollar bei gleichem Tempo bis Jahresende etwa halbieren könnten. Für 2027 erwarte der Markt weitere Verluste von circa 53,7 Millionen Euro / 60 Millionen US-Dollar.
Dabei ist LiveWire in seinem Kernsegment durchaus führend. Im US-Markt für straßenzugelassene E-Motorräder mit mehr als 68 PS (50 kW) kommt die Marke nach eigenen Angaben auf 80 Prozent Marktanteil. Das Segment ist allerdings so klein, dass selbst dieser Anteil nur wenige hundert Motorräder pro Quartal bedeutet.
Wer führt LiveWire nach dem Rücktritt von Karim Donnez?
Die Führung liegt jetzt bei Roy Gallagher, der als Chief Restructuring Officer den Umbau steuert und zugleich oberster Geschäftsführer ist. Er berichtet an ein Sonderkomitee des Verwaltungsrats, das über die Zukunft von LiveWire verhandelt.
Der Umbau an der Spitze lief innerhalb weniger Tage ab. Am 21. Oktober 2026 trat CEO Karim Donnez mit sofortiger Wirkung zurück, Gründe nannte LiveWire in der Pflichtmitteilung an die Börsenaufsicht nicht. Einen Tag später bildete der Verwaltungsrat ein Restrukturierungskomitee aus William Cornog und dem neu berufenen David Barse. Das Gremium darf Finanzierungen, Verkäufe, Umschuldungen und andere Transaktionen prüfen, verhandeln und dem Verwaltungsrat empfehlen. Außerdem entscheidet es allein darüber, ob bei einem Geschäft Interessenkonflikte einzelner Verwaltungsratsmitglieder vorliegen. Der bisherige Ausschuss für solche Konflikte wurde aufgelöst.
Neu im Verwaltungsrat sitzt neben Barse auch Scott Nash, der bei Harley-Davidson für die Qualität zuständig ist und dafür keine zusätzliche Vergütung erhält. Barse dagegen bekommt circa 40.300 Euro / 45.000 US-Dollar pro Monat. Dazu kommt in bestimmten Rechtsangelegenheiten ein Tagessatz von circa 6.700 Euro / 7.500 US-Dollar.
Am 25. Oktober setzte das Komitee schließlich Gallagher ein. Der 50-Jährige ist seit 2016 Senior Managing Director beim Beratungsunternehmen Ankura Consulting Group. Er bringt mehr als 25 Jahre Erfahrung an den Finanzmärkten mit, davon über zehn Jahre als Investor in Kredite angeschlagener Unternehmen. Gallagher wird nicht direkt von LiveWire bezahlt. Ankura erhält für seine Arbeit pauschal circa 125.300 Euro / 140.000 US-Dollar im Monat. Hinzu kommen Stundensätze für weitere Ankura-Mitarbeiter und Auslagen.

Springt Harley-Davidson bei LiveWire noch ein?
Nein, Harley-Davidson will die laufenden Verluste von LiveWire nicht mehr finanzieren, obwohl der Konzern knapp 90 Prozent der Anteile hält. Das hat Konzernchef Artie Starrs bei der Vorstellung der Quartalszahlen am 29. Oktober 2026 gleich zweimal betont.
In seiner Rede ging Starrs direkt auf die Warnung der Tochter ein. Als ein Analyst nachhakte, wiederholte er die Linie: „We do not intend to fund the operating losses of LiveWire going forward.“ (Wir beabsichtigen nicht, die operativen Verluste von LiveWire künftig zu finanzieren.) Das sei die gleiche Haltung, die er schon im vergangenen Jahr vertreten habe. Das Team von LiveWire arbeite an anderen Kapitalquellen. Über das bereits Veröffentlichte hinaus wollte Starrs nichts sagen.
Die Distanz ist bemerkenswert, weil LiveWire eng mit dem Mutterkonzern verflochten ist. Beim Börsengang 2022 wollte Harley-Davidson 74 Prozent behalten, inzwischen ist der Anteil auf fast 90 Prozent gewachsen. Viele Aufgaben von LiveWire hat Harley wieder übernommen, und mit Scott Nash sitzt ein Harley-Manager im Verwaltungsrat der Tochter.
Für den Mutterkonzern selbst lief das Quartal deutlich besser. Harley-Davidson hob am selben Tag die Prognose für das eigene Motorradgeschäft an. Der operative Gewinn soll 2026 nun bei circa 22,4 bis 49,2 Millionen Euro / 25 bis 55 Millionen US-Dollar liegen, zuvor waren circa 9,0 bis 44,8 Millionen Euro / 10 bis 50 Millionen US-Dollar angepeilt.
Wie kam LiveWire in diese Lage?
Die Krise hat eine lange Vorgeschichte, denn LiveWire hat die eigenen Ziele von Beginn an weit verfehlt. Statt der angekündigten rund 100.000 Motorräder pro Jahr verkauft die Marke bis heute nur einige hundert.
Ihren Anfang nahm die Geschichte 2019 als Modell im Programm von Harley-Davidson. Die erste LiveWire kostete damals 29.799 US-Dollar und wurde 2021 auf 21.999 US-Dollar verbilligt, zum aktuellen Kurs umgerechnet circa 26.670 Euro und 19.690 Euro. Im September 2022 ging LiveWire als eigenständiges Unternehmen an die Börse. Das geschah über eine Fusion mit einer bereits börsennotierten Mantelgesellschaft, einen sogenannten SPAC. Die Aktie startete bei rund 10 US-Dollar (heute circa 8,95 Euro). Den Anlegern stellte LiveWire für 2026 rund 100.000 verkaufte Motorräder und circa 1,58 Milliarden Euro / 1,77 Milliarden US-Dollar Umsatz in Aussicht.
Davon ist LiveWire weit entfernt. Seit 2021 hat die Marke in keinem Jahr mehr als 660 Motorräder verkauft, 2025 waren es 653. Rote Zahlen schrieb das Unternehmen in jedem Jahr seit dem Börsengang. Am höchsten fiel der Nettoverlust 2023 mit circa 103,8 Millionen Euro / 116 Millionen US-Dollar aus, 2025 waren es circa 67,2 Millionen Euro / 75,1 Millionen US-Dollar. Von 2022 bis 2025 summieren sich die Verluste auf circa 331 Millionen Euro / 370 Millionen US-Dollar, jeweils zum aktuellen Kurs umgerechnet.
Gegengesteuert hat LiveWire vor allem mit Preissenkungen und günstigeren Modellen. In den USA kostet die LiveWire One heute circa 12.530 Euro / 13.999 US-Dollar, die Modelle der Mittelklasse-Plattform S2 starten bei circa 10.740 Euro / 11.999 US-Dollar. Die kleine S4 Honcho ist ab circa 4.475 Euro / 4.999 US-Dollar zu haben. In den USA wird sie erst seit August 2026 ausgeliefert, die Straßenversion kam im Oktober zu den Händlern. Nach Europa soll die Trail-Version im Oktober kommen, die Honcho Street im November.

Was bedeutet die Krise für die Dust Hightail und den Auftritt auf der EICMA?
Auf der EICMA 2026 in Mailand will LiveWire Anfang November die Serienversion der Dust Hightail zeigen, ein elektrisches Geländemotorrad. Wie es mit diesem und anderen Modellen danach weitergeht, hängt davon ab, ob das Restrukturierungskomitee neues Kapital oder einen Käufer findet.
Die Hightail stammt von Dust Motorcycles. LiveWire hatte das Start-up im Mai 2026 übernommen, um in den Markt für elektrische Offroad-Motorräder einzusteigen. Zusammen mit der günstigen Honcho sollte sie LiveWire neue Käuferschichten erschließen. Der Messeauftritt fällt nun mitten in die Suche nach Geld. Auch Harley-Davidson selbst ist auf der EICMA vertreten und stellt dort die Sprint vor, die zunächst außerhalb der USA starten soll. Die Messe gilt als zentrale Bühne für die Neuheiten des kommenden Modelljahres.
Für Besitzer und Interessenten bleiben Fragen offen. In den bisherigen Mitteilungen äußert sich LiveWire nicht dazu, was die Lage für Garantie, Ersatzteile und Service bedeutet. Klarer dürfte das Bild erst werden, wenn der ausführliche Quartalsbericht vorliegt und das Komitee erste Entscheidungen trifft.

Häufige Fragen
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Ist LiveWire pleite?
Nein, eine Insolvenz hat LiveWire nicht angekündigt. Das Unternehmen hat aber erhebliche Zweifel geäußert, ob es die nächsten zwölf Monate ohne neues Kapital übersteht. Ein Sonderkomitee prüft deshalb Finanzierungen, Partnerschaften und einen möglichen Verkauf.
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Warum ist die LiveWire Aktie abgestürzt?
Die LiveWire Aktie fiel am 29. Oktober 2026 um fast 44 Prozent, nachdem das Unternehmen vor dem eigenen Fortbestand gewarnt und seine Jahresprognose zurückgezogen hatte. Zusätzlich stellte Harley-Davidson klar, die Verluste der Tochter nicht mehr zu finanzieren. Der Schlusskurs lag bei circa 0,81 Euro / 0,90 US-Dollar.
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Wem gehört LiveWire?
Mehrheitseigner ist Harley-Davidson mit knapp 90 Prozent der Anteile. Der Rest wird an der New Yorker Börse NYSE gehandelt. Harley-Davidson hat LiveWire zwar Kredit gewährt, will die laufenden Verluste künftig aber nicht mehr tragen.
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Wer leitet LiveWire nach dem Rücktritt von Karim Donnez?
LiveWire wird seit dem 25. Oktober 2026 von Roy Gallagher geführt, einem Sanierungsexperten der Ankura Consulting Group. Er ist Chief Restructuring Officer und zugleich oberster Geschäftsführer. LiveWire zahlt Ankura dafür circa 125.300 Euro / 140.000 US-Dollar pro Monat.











