- Steiner beschreibt den Wechsel auf 850 Kubikzentimeter als kleinen Rückschritt, der am Ende zwei Schritte nach vorn bringen soll
- Weniger Leistung, weniger Aerodynamik und der Wegfall der Ride-Height-Devices sollen den Fahrern mehr Kontrolle geben
- Pol Espargaro erwartet, dass Moto2-Aufsteiger zu Beginn der neuen Ära im Vorteil sind
Wenige Wochen vor der Sommerpause hat der frühere Formel-1-Teamchef Günther Steiner erklärt, warum die MotoGP mit dem neuen Reglement nicht sofort besser werden muss. Steiner ist seit dieser Saison Chef des Teams Red Bull KTM Tech3 und hat die Leitung zum Ende der vergangenen Saison von Hervé Poncharal übernommen. Am Freitag des Großbritannien-Wochenendes in Silverstone sprach er darüber, was der Umstieg von 1.000 auf 850 Kubikzentimeter aus seiner Sicht bringt. Seine Formel dafür ist knapp: ein kleiner Schritt zurück, um zwei nach vorn zu machen.

Was meint Steiner mit einem Schritt zurück?
Steiner erwartet, dass die neuen Motorräder zunächst langsamer sind, das Rennen selbst aber besser machen. Weniger Leistung und weniger Aerodynamik führen für ihn nicht zu einer schwächeren Show, sondern zu engeren Duellen auf der Strecke.
Er hält die aktuelle MotoGP dabei nicht für langweilig. „I think the racing is pretty exciting now, most of the time. You get the odd race where you can say it could be a little bit better, but I think it’s quite exciting“, sagte er in Silverstone. Auf Deutsch: „Ich finde die Rennen im Moment ziemlich spannend, meistens jedenfalls. Es gibt hin und wieder ein Rennen, bei dem man sagen kann, es könnte ein bisschen besser sein, aber ich finde es ziemlich spannend.“
Zum neuen Reglement führte er aus: „I think what [the 850cc bikes] will put in there is that we make a little bit of a step back to make two forward towards racing. A little bit less power, a little bit less aerodynamics, and I think that will happen. The riders tell me they are handling nice, they have control over it, and that’s the most important thing.“ Übersetzt: „Ich glaube, was die 850er hineinbringen, ist, dass wir einen kleinen Schritt zurück machen, um zwei nach vorn zu gehen, was das Rennen angeht. Ein bisschen weniger Leistung, ein bisschen weniger Aerodynamik, und ich glaube, das wird passieren. Die Fahrer sagen mir, dass sie sich gut fahren lassen, dass sie die Kontrolle darüber haben, und das ist das Wichtigste.“
Warum sollen weniger Leistung und weniger Aerodynamik helfen?
Der Grundgedanke hinter dem Reglement lautet, den Fahrern mehr Einfluss zurückzugeben. Weniger Abtrieb durch Flügel und der Wegfall der Ride-Height-Devices, also der Systeme, die das Motorrad während der Fahrt tiefer legen, sollen genau das bewirken.
Ein zweiter Punkt betrifft den Vorderreifen. Er ist in den vergangenen Jahren immer stärker zum kritischen Bauteil geworden, seit die Mindestluftdrücke ab 2023 strenger kontrolliert werden. Wer dicht hinter einem Gegner fährt, bekommt heiße Luft und steigenden Druck im Vorderreifen und verliert Gefühl an der Front. Weniger Aerodynamik soll diese Belastung senken und Angriffe wieder leichter machen. Innerhalb der laufenden Saison 2026, der letzten unter dem 1.000er-Reglement, ist das eines der bestimmenden Themen im Fahrerlager.

Warum könnten Moto2-Aufsteiger im Vorteil sein?
Pol Espargaro erwartet, dass Fahrer aus der Moto2 zu Beginn der neuen Ära einen deutlichen Vorteil haben. Der KTM-Testfahrer gehört zu den wenigen, die bereits ausgiebig auf den 850ern mit Pirelli-Reifen unterwegs waren.
Espargaro sprang in Silverstone für den verletzten Maverick Viñales ein und ordnete die Umstellung dabei so ein: „It’s a different world. Next year it can happen that riders who are not performing this year, are going to be super fast next year. And the opposite.“ Auf Deutsch: „Es ist eine andere Welt. Nächstes Jahr kann es passieren, dass Fahrer, die dieses Jahr keine Leistung bringen, im nächsten Jahr richtig schnell sind. Und umgekehrt.“
Er beschreibt einen tiefen Eingriff in den Fahrstil. Das Motorrad habe sich massiv verändert, die Leistung sei viel geringer, und die Reifen zwängen zu einer ganz anderen Fahrweise. Für Piloten, die viele Jahre mit Michelin gefahren sind, werde die Umstellung schwierig. Die Aufsteiger aus der Moto2 hätten am Anfang einen großen Vorteil, weil das neue Paket seiner Einschätzung nach im Moment näher an der Moto2 liegt als an der bisherigen MotoGP.
Wie weit sind die Hersteller mit den MotoGP 850ccm-Prototypen?
Verlässliche Vergleiche gibt es bislang nicht, weil alle Hersteller hinter verschlossenen Türen testen und keine offiziellen Rundenzeiten vorliegen. Steiner geht davon aus, dass sich die Rangordnung erst zum Start der kommenden Saison zeigt.
Die Gerüchte im Fahrerlager kommentiert er mit sichtbarem Abstand. „At the moment it sounds like we’re going to have five world champions next year because all the testing is going fantastic for everyone“, sagte er. Übersetzt: „Im Moment klingt es so, als hätten wir nächstes Jahr fünf Weltmeister, weil die Tests für alle fantastisch laufen.“ Das sei im Motorsport normal, ähnlich wie zu jedem Saisonbeginn. Man sei so lange richtig gut, bis jemand besser ist. Ihm reiche es vorerst, wenn die Teams Runden sammeln, Daten bekommen und die Reifen verstehen. Wie konkurrenzfähig ein Hersteller wirklich ist, lasse sich erst im kommenden Jahr beantworten.
Laut Medienberichten gelten Ducati und Aprilia als frühe Favoriten für 2027. Ebenfalls Medienberichten zufolge soll Yamaha in Silverstone im Wildcard-Einsatz von Testfahrer Augusto Fernández bereits einen Motor eingesetzt haben, der dem kommenden 850er-V4 näher kommt als die regulären 1.000er. Bestätigt ist das nicht.

Wann wird klar, wer wirklich vorn liegt?
Der nächste Prüfstein steht im September an. Nach dem Rennwochenende am Red Bull Ring folgt der nächste private Test, bei dem auch aktuelle Stammfahrer auf die neuen Maschinen dürfen.
Einen ersten Eindruck haben einige von ihnen bereits im Juni in Brünn gesammelt, wo eine Handvoll MotoGP-Piloten ihr Debüt auf den 850ern mit Pirelli-Reifen gab. Espargaro dämpft dennoch die Erwartungen. Es sei sehr früh, es lägen noch viele Monate vor allen Beteiligten. Pirelli wähle im Lauf des Jahres die besten Reifen aus, weshalb sich das Material immer wieder ändere. Der Reifen sei der wichtigste Teil eines Motorrads, und mit jedem Wechsel ändere sich sowohl die Fahrweise als auch die nötige Abstimmung. Auf einer 1.000er könne man heute mit wenigen Anpassungen ab der ersten Runde schnell sein, auf der 850er müsse dagegen noch sehr viel ausprobiert werden. Das gelte für alle Hersteller, nicht nur für KTM.
Für Tech3 kommt der Umbruch in einer schwierigen Phase. Die Saison 2026 verläuft für das Team zäh, vor allem wegen der Situation um Maverick Viñales, dessen Schulterverletzung aus dem Juli 2025 bis heute nicht vollständig ausgeheilt ist und dessen öffentliche Kritik an KTM bis zur Sommerpause deutlicher wurde. In Silverstone wurde er durch Pol Espargaro ersetzt. Für 2027 sieht es derzeit nicht danach aus, dass Viñales ein Motorrad bekommt.

Häufige Fragen
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Was ändert sich 2027 technisch in der MotoGP?
Der Hubraum sinkt von 1.000 auf 850 Kubikzentimeter. Dazu kommen strengere Vorgaben bei der Aerodynamik, das Aus für die Ride-Height-Devices und der Wechsel auf Pirelli-Reifen.
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Was bedeutet die Umstellung auf MotoGP 850ccm für die Fahrer?
Die Maschinen haben weniger Leistung und verlangen laut Testfahrer Pol Espargaro eine deutlich andere Fahrweise. Vor allem Piloten, die lange auf Michelin unterwegs waren, müssen sich umgewöhnen.
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Warum spricht Steiner von einem Schritt zurück?
Steiner meint damit die geringere Leistung und die reduzierte Aerodynamik der neuen Motorräder. Er erwartet, dass genau das die Rennen enger macht und die Serie am Ende zwei Schritte nach vorn bringt.
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Welcher Hersteller ist bei den 850ern vorn?
Das ist offen, denn offizielle Rundenzeiten aus den privaten Tests gibt es nicht. Ducati und Aprilia gelten Medienberichten zufolge als frühe Favoriten, Steiner hält solche Einschätzungen vor dem Saisonstart jedoch für wenig belastbar.












