- Honda-Testfahrer Takaaki Nakagami und KTM-Testfahrer Pol Espargaro ziehen die neue MotoGP 850er der aktuellen 1000er klar vor.
- Die weicheren Pirelli-Reifen verändern die Fahrweise laut den Testfahrern stärker als das um über 10 kg geringere Gewicht.
- Ab dem 1. Dezember testen in Valencia die Stammfahrer für die Saison 2027.
Ab 2027 fährt die MotoGP mit 850 statt 1.000 Kubikzentimetern Hubraum. Die Ride-Height-Systeme fallen weg, die Aerodynamik wird kleiner, und Pirelli löst Michelin als Reifenausrüster ab. Nur wenige Fahrer kennen schon beide Generationen. Honda-Testfahrer Takaaki Nakagami und KTM-Testfahrer Pol Espargaro gehören dazu, denn sie sind in dieser Saison sowohl die neuen Prototypen als auch die aktuellen Rennmaschinen gefahren. Beide würden sich ohne Zögern für die 850er entscheiden.

Wie fährt sich die neue MotoGP 850er?
Natürlicher und einfacher, sagt Nakagami. Der Fahrer muss sich um weniger Technik kümmern, und das Motorrad reagiert direkter.
Der 34-jährige Japaner fuhr von 2018 bis 2024 als Stammfahrer in der MotoGP. Seit sich Aleix Espargaro im April bei Testfahrten in Sepang (Malaysia) schwer am Rücken verletzt hat, trägt Nakagami den Großteil der Entwicklungsarbeit an der neuen Honda RC214V. Was ihm dabei gefällt, beschreibt er so: „I like it more than 1000cc. You don’t think about the rear height device. So it’s more simple.“ Auf Deutsch: „Ich mag sie lieber als die 1000er. Man muss nicht über das Ride-Height-System im Heck nachdenken. Dadurch ist alles einfacher.“
Auch die Aerodynamik ist kleiner. Flügel gibt es zwar weiterhin, und die Fahrer müssen sie nutzen. Das Motorrad nickt aber beim Bremsen und Beschleunigen wieder stärker ein und soll sich damit mehr wie ein Superbike anfühlen.
Hondas zweiter Testfahrer hatte schon im Mai konkrete Zahlen genannt. Laut Aleix Espargaro wiegt die 850er mehr als 10 kg (rund 22 lbs) weniger als die aktuelle Maschine und lässt sich dadurch sehr leicht von einer Schräglage in die andere werfen. Er rechnet deshalb mit deutlich mehr Zweikämpfen auf der Strecke.
Warum machen die Reifen den größten Unterschied?
Weil die Pirelli-Reifen deutlich weicher sind als die aktuellen Michelins. Für Nakagami wiegt dieser Wechsel schwerer als das geringere Gewicht der 850er.
„For me, it’s mainly the tyres that are a big difference“, sagt der Japaner. Auf Deutsch: „Für mich sind es vor allem die Reifen, die einen großen Unterschied machen.“ Die Testfahrer der anderen Hersteller sehen das genauso. Michelin beliefert die MotoGP seit 2016 exklusiv, in der Moto2 fährt das Feld dagegen schon seit 2024 mit Pirelli. Pol Espargaro hat bereits den Wechsel von Bridgestone zu Michelin erlebt. Damals habe sich die Fahrweise kaum geändert. Diesmal ändere sich alles.
Warum die Michelins so anders sind, erklärt Espargaro ausführlich. Sie müssen das enorme Drehmoment der 1000er über die gesamte Renndistanz aushalten, auch wenn ein Fahrer am Kurvenausgang völlig am Limit ans Gas geht. Deshalb sind die Karkasse, also der Unterbau des Reifens, und die Gummimischung sehr hart. Schlechter oder gefährlicher mache sie das nicht. Sie seien einfach genau für diese kompromisslose Rennmaschine gebaut. Ein Amateur könnte damit nach Espargaros Einschätzung gar nicht fahren, weil er den Vorderreifen weder auf den nötigen Druck noch auf Temperatur bringen würde.
Bei der 850er ist das anders. Weil sie weniger Leistung hat, kann Pirelli weichere Reifen bauen. Die bieten laut Aleix Espargaro viel Grip, und weil die 850er unten herum weniger Drehmoment hat, können die Fahrer in den Kurven aggressiver sein.

Wie anstrengend ist die aktuelle 1000er im Vergleich?
So anstrengend, dass Pol Espargaro nach eigener Aussage mit der 850er problemlos zwei Rennen am Stück fahren könnte. Auf der 1000er sei sein Puls dagegen schon nach zwei Runden extrem hoch.
Der Spanier weiß das aus erster Hand. Als Ersatz für den verletzten Maverick Viñales stieg er ab Silverstone wieder auf die aktuelle KTM mit Michelin-Reifen, zum ersten Mal seit Februar. Er habe sich wie ein Rookie gefühlt und Bremspunkte und Linien neu lernen müssen. Ab dem vierten Gang sei das Drehmoment enorm. „With the 850 and the Pirellis I can do two races in a row. It’s much, much less physical.“ Auf Deutsch: „Mit der 850er und den Pirellis kann ich zwei Rennen hintereinander fahren. Das ist körperlich viel, viel weniger anstrengend.“
Nakagami erging es ähnlich. Für einen geplanten Gaststart in Japan fuhr er Anfang September bei einem privaten Test in Motegi wieder die 1000er-Honda. „It was a very big shock!“ Auf Deutsch: „Das war ein sehr großer Schock!“ Kurz darauf sprang er in Spielberg für Joan Mir ein.
Pol Espargaro sieht die Entwicklung auch mit Blick auf sich selbst gelassen: „Dadurch wird alles viel unkomplizierter, und da ich nicht jünger werde, habe ich an dieser Entwicklung absolut nichts auszusetzen.“
Wird die MotoGP mit den 850ern sicherer?
Pol Espargaro geht davon aus. Die neuen Motorräder erreichen weniger Höchstgeschwindigkeit, verlieren aber kaum an Beschleunigung.
Wegen des geringeren Gewichts erwartet er trotzdem ähnliche Rundenzeiten. Die Fahrer würden sich aber seltener verletzen. „It is going to be a very fun and less dangerous category, and that is good for the championship.“ Auf Deutsch: „Es wird eine Kategorie, die viel Spaß macht und weniger gefährlich ist, und das ist gut für die Meisterschaft.“ Zu Beginn der Saison 2027 rechnet er noch mit Abständen zwischen den Herstellern, ab der Saisonmitte mit einem engeren Feld.
Im Fahrerlager heißt es außerdem, dass den vier Aufsteigern aus der Moto2 und Superbike-Weltmeister Nicolo Bulega der Umstieg leichter fallen wird. Sie kennen die Pirelli-Reifen bereits, während die aktuellen MotoGP-Piloten nur wenig Zeit zum Umgewöhnen haben.

Wie schnell sind die 850er-Prototypen schon?
Schnell genug, um mit den aktuellen Rennzeiten mitzuhalten. Beim Pirelli-Test in Spielberg fuhr Diogo Moreira mit der 850er-Honda eine inoffizielle Bestzeit von 1:28,4 Minuten und blieb damit rund eine Sekunde unter der schnellsten Rennrunde des Grand Prix.
Nakagami hält sich mit Zeiten zurück. Die neue Honda, die ab 2027 Fabio Quartararo fahren wird, sei aber schon ziemlich konkurrenzfähig. Derzeit arbeite das Team vor allem eine lange Liste an Testaufgaben ab. Der Wechsel auf 850 Kubikzentimeter und Pirelli-Reifen prägt damit schon jetzt die Vorbereitung auf die MotoGP-Saison 2027.
Wie geht es mit den Tests bis Saisonbeginn weiter?
Im Oktober sind noch einmal die Testfahrer an der Reihe, am 1. Dezember startet in Valencia die Vorsaison 2027 mit den Stammfahrern.
Aprilia, Ducati, KTM und Yamaha testen am 7. und 8. Oktober in Jerez. Honda folgt am 14. und 15. Oktober in Sepang, dann wieder mit Aleix Espargaro. Er ist inzwischen genesen und war Mitte September bereits in Mugello dabei. Für Nakagami ist das eine Erleichterung. Er habe monatelang die Arbeit von zwei Fahrern allein erledigt, das sei hart gewesen.

Häufige Fragen
-
Wie unterscheidet sich das Fahrgefühl der MotoGP 850er von der 1000er?
Die 850er fährt sich laut den Testfahrern natürlicher und körperlich deutlich weniger anstrengend. Ohne Ride-Height-System und mit kleinerer Aerodynamik ähnelt sie wieder mehr einem Superbike.
-
Warum sind die Michelin-Reifen in der MotoGP so hart?
Sie müssen das enorme Drehmoment der 1000er über die volle Renndistanz aushalten. Deshalb sind Karkasse und Gummimischung laut KTM-Testfahrer Pol Espargaro sehr hart ausgelegt.
-
Wann fahren alle MotoGP-Stammfahrer die 850er?
Der erste Vorsaisontest für 2027 beginnt am 1. Dezember in Valencia. Einige Stammfahrer waren bereits bei den Pirelli-Tests in Brünn und Spielberg dabei.












