- Oliveira sieht aktuell keinen Nachwuchsfahrer, der Marquez um den Titel fordern kann
- Pedro Acosta ist für ihn der Einzige, bei dem ein Unterschied erkennbar ist
- MotoGP-Arzt Angel Charte beschreibt Marquez und Jorge Martin als extrem kühl im Kopf, obwohl der Puls bei 140 bis 150 liegt
Über die MotoGP-Saison 2026 hinweg begleitet eine Frage den Fahrermarkt: Wer löst Marc Marquez irgendwann ab? Gleich zwei Stimmen aus dem Fahrerlager haben dazu jetzt Antworten geliefert, und sie ergänzen sich auf interessante Weise. Der Portugiese Miguel Oliveira schaut aus der Fahrerperspektive auf die Nachwuchsklassen. MotoGP-Chefarzt Dr. Angel Charte betrachtet dieselben Fahrer von der medizinischen Seite. Zusammen ergibt sich ein Bild davon, was einen Fahrer in der Königsklasse wirklich trägt.

Warum sieht Oliveira keinen Herausforderer für Marc Marquez?
Oliveira hält die aktuelle Nachwuchsgeneration zwar für talentiert, aber nicht für stark genug, um Marquez kurzfristig den Titel streitig zu machen. «Es kommt zwar eine neue Generation, aber ich sehe momentan keinen, der Marc richtig herausfordern kann», sagte er in einem Interview.
Der Portugiese kann das aus eigener Anschauung beurteilen. Von 2011 bis 2025 fuhr er in der Motorrad-Weltmeisterschaft und holte über alle Klassen hinweg 17 Grand-Prix-Siege, fünf davon in der MotoGP. 2015 wurde er Vizeweltmeister in der Moto3, 2018 gelang ihm das Gleiche in der Moto2. Seit 2026 fährt der 31-Jährige in der Superbike-WM, wo er bei BMW unter Vertrag steht. Über seinen früheren Gegner findet er deutliche Worte: «Fahrerisch ist er der Größte aller Zeiten.»
Marquez zeigt auch 2026 trotz körperlicher Probleme starke Leistungen. Seine schärfsten Gegner in der Meisterschaft sind derzeit die Aprilia-Piloten Jorge Martin, Marco Bezzecchi, Ai Ogura und Raul Fernandez sowie Fabio Di Giannantonio auf der VR46-Ducati. Auffällig daran: Es sind keine Neulinge, sondern Fahrer mit mehreren Jahren Erfahrung in der Königsklasse.
Was macht Pedro Acosta für Oliveira anders als die anderen?
Für Oliveira sticht ein einziger Fahrer aus der jungen Generation heraus, und das ist Pedro Acosta. «Acosta ist für mich der Stärkste. Er ist der Einzige, bei dem man erkennen kann, dass er anders ist», so der Portugiese. «Beim Rest ist es bei allen das Gleiche. Auch Diogo ist ein großartiger Fahrer, aber er ist kein Acosta. Aber um es klarzustellen: Jeder von den Jungs ist sehr talentiert.»
Damit meint Oliveira Fahrer wie Diogo Moreira, David Alonso oder Daniel Holgado, die gerade aufgestiegen sind oder 2027 aufsteigen. Von ihnen sieht er keine unmittelbare Gefahr ausgehen.
Acostas Bilanz stützt diese Einschätzung. Der Spanier gewann laut der offiziellen Serienmitteilung innerhalb von nur drei Jahren nach seinem WM-Debüt die Titel in der Moto3 und in der Moto2. In der MotoGP wurde er 2024 Rookie des Jahres, 2025 beendete er die Saison auf Gesamtrang vier und sammelte bis dahin 13 Podestplätze. Ab 2027 fährt er im Ducati-Werksteam an der Seite von Marquez, der Vertrag läuft über die Saisons 2027 und 2028.
Ducati-Rennchef Luigi Dall’Igna beschrieb die Verpflichtung so: «In just under six years in the Championship, he has won two titles in the lower classes and achieved truly convincing performances in MotoGP.» Auf Deutsch: In knapp sechs Jahren in der Weltmeisterschaft habe er zwei Titel in den kleinen Klassen gewonnen und in der MotoGP wirklich überzeugende Leistungen gezeigt. Ducati-Chef Claudio Domenicali sprach davon, dass Acosta und Marquez gemeinsam ein sehr konkurrenzfähiges Duo bilden werden.
Damit bekommt Oliveiras Aussage eine zusätzliche Ebene. Der einzige Fahrer, den er für anders hält, sitzt ab 2027 in derselben Box wie Marquez.

Wie schnell kann Maximo Quiles gefährlich werden?
Einem Fahrer aus der Moto3 traut Oliveira ebenfalls einiges zu, allerdings mit ausdrücklicher Warnung. Es geht um Maximo Quiles, der die Moto3-Gesamtwertung überlegen anführt. Der 18-jährige Spanier wird von Marc Marquez begleitet.
«Er ist der einzige junge Fahrer aus der Moto3. Aber es ist so schwierig, das zu beurteilen. Zudem ist es unfair, so viele Erwartungen und so viel Druck auf einen Nachwuchsfahrer auszuüben», betonte Oliveira.
Die Zahlen erklären, warum Quiles so viel Aufmerksamkeit bekommt. Zur Saisonhalbzeit führte er die Moto3-WM mit 104 Punkten Vorsprung auf Brian Uriarte an, nach elf Rennen standen sechs Siege und zehn Podestplätze zu Buche. Insgesamt kommt er in 29 Moto3-Rennen auf neun Siege und 19 Podestplätze. 2027 steigt er innerhalb der Aspar-Struktur in die Moto2 auf.
Was der Sprung in die Moto2 wirklich bedeutet
Genau an dieser Stelle setzt Oliveiras Vorsicht an. Er nennt drei Beispiele, die zeigen, wie unterschiedlich der Wechsel in die mittlere Klasse verlaufen kann.
«Man sieht es bei Rueda. Die Moto3-WM hat er dominiert, dann wechselte er in die Moto2, wo er jetzt leidet. Oder Collin Veijer, er war ein sehr schneller Moto3-Pilot, hat aber nicht dominiert. Dann wechselte er auf das Moto2-Bike … ein weiteres Beispiel: Izan Guevara, er war in der Moto3 fantastisch. In der Moto2 brauchte er zwei oder drei Jahre. Erst jetzt ist er stark. Es gibt da aber kein Schwarz oder Weiß.»
Ein aktueller Fall zeigt, wie unbeeindruckt sich Fahrer davon geben. David Alonso steigt 2027 in die MotoGP auf, er hat bei HRC einen mehrjährigen Vertrag unterschrieben. Der 20-jährige Kolumbianer liegt in der Moto2-WM derzeit auf Rang sechs mit 116 Punkten, sein Rückstand auf Spitzenreiter Manuel Gonzalez beträgt 81,5 Punkte. Zuletzt lief es nicht rund, am Sachsenring stürzte er, in Silverstone wurde er 21.
Alonso selbst geht die Sache nüchtern an. Sein erstes Ziel sei es, mit dem Motorrad zurechtzukommen, erklärte er. Außerdem müsse man sich daran gewöhnen, gegen die besten Fahrer der Welt anzutreten. Wenn er nur eine Kurve hinter ihnen liege, wäre das schon gut. Hilfreich könnte für ihn sein, dass 2027 ein neues Reglement greift: Der Hubraum sinkt auf 850 Kubikzentimeter, die Höhenverstellsysteme fallen weg, die Aerodynamik wird reduziert und Pirelli liefert die Reifen. Der Umstieg aus der Moto2 dürfte dadurch etwas leichter werden.

Warum nennt der MotoGP-Arzt Marquez und Martin kühle Typen?
MotoGP-Chefarzt Dr. Angel Charte sieht bei beiden besonders stark ausgeprägte Fähigkeiten, die sie über Jahre entwickelt haben. «Sie sind sehr, sehr kühle Typen, und ich glaube, sie haben bestimmte Fähigkeiten, die sie beim Fahren stark weiterentwickelt haben. Das heißt nicht, dass sie keine Fehler machen. Beide machen sie.»
Wichtig ist Charte dabei eine Einschränkung. Die Ruhe, die von außen sichtbar wird, hat mit dem tatsächlichen Zustand wenig zu tun. Der Puls könne bei 140 oder 150 liegen, dazu komme eine große Menge Adrenalin im Körper. Gelassenheit nach außen bedeutet also nicht Gelassenheit nach innen.
Ob schwere Verletzungen die beiden mental auf eine neue Stufe gehoben haben, will Charte so nicht bestätigen. Er sagt aber klar, dass eine schwere Verletzung die Einstellung eines Fahrers verändern kann. Manche würden dadurch in bestimmten Bereichen gebremst. Als Beispiel nennt er Cal Crutchlow und dessen sehr schwere Verletzung in Australien. Testfahren und Wettkampf seien zwei völlig verschiedene Dinge.
Wie viel entscheidet der Kopf über den Aufstieg?
Nach Einschätzung von Charte liegt der größte Unterschied zwischen Moto3, Moto2 und MotoGP auf der mentalen Ebene. Das sehe man den Fahrern täglich an.
Moto3-Fahrer müssten sich ihren Lebensunterhalt hart erarbeiten und sich weiterentwickeln, um in die Moto2 aufzusteigen. Für Moto2-Fahrer gelte dasselbe mit Blick auf die MotoGP. Auffällig findet Charte, wie gut die jungen Fahrer schwierige Situationen meistern. Schwere Stürze in den ersten Runden habe er nur sehr wenige gesehen. Gleichzeitig warnt er davor, die kleinste Klasse zu unterschätzen. Auch ein Moto3-Motorrad könne sehr gefährlich sein, gerade für einen 15- oder 20-Jährigen.
Der grundlegende Unterschied liegt für ihn in der Erfahrung. Die Motorräder unterscheiden sich in Hubraum und Charakter, doch mental entwickeln sich die Fahrer täglich weiter. Sie lernen besser zu fahren, reifen im Kopf und sammeln Routine im Umgang mit dem Motorrad. Medizinisch macht Charte dagegen keinen Unterschied. Marquez und der letzte Moto3-Fahrer bekämen exakt dieselbe Versorgung.
Charte arbeitet zusätzlich daran, die psychische Betreuung in der Weltmeisterschaft auszubauen. Geplant ist ein Online-Angebot, über das Fahrer unabhängig von ihrem Aufenthaltsort mit Fachleuten sprechen können. Vorbild sind spanische Fußballmannschaften und Teams aus der NBA. Es gehe nicht um Psychiatrie, sondern um psychische Gesundheit, betont der Mediziner. Er sei seit vielen Jahren dabei und habe schwierige Situationen mit Fahrern erlebt.

Wo der Titelkampf 2026 gerade steht
Die aktuelle Tabelle zeigt, wie eng es zugeht. Jorge Martin führt die MotoGP-WM mit 240 Punkten an, dahinter folgen Marco Bezzecchi mit 209 und Ai Ogura mit 203 Punkten. Marc Marquez liegt mit 200 Punkten auf Rang vier, Fabio Di Giannantonio hat 199 Zähler. Raul Fernandez kommt auf 184, Pedro Acosta auf 163 Punkte.
Bemerkenswert ist die Rolle von Ogura. Er hat in zwölf Sonntagsrennen neun Mal die Top 5 erreicht. Diese Beständigkeit brachte ihn nach vorne, ohne dass er dabei besonders viel Aufsehen erregte. Nach Medienberichten hat Marquez über den Japaner gesagt, er wisse nicht, was dieser denke. Der frühere Grand-Prix-Fahrer Alex Barros beschreibt Ogura als sehr guten Reifenmanager, der zu Beginn eines Rennens Mühe hat, in den Rhythmus zu kommen, später aber sehr konstant fährt und entschlossen überholt. Barros hält Marquez weiterhin für den Favoriten, sieht in Ogura aber eine echte Unbekannte.
Damit schließt sich der Kreis zu Oliveiras Einschätzung. Die größte Gefahr für Marquez in dieser Saison kommt nicht von den Aufsteigern, sondern von Fahrern, die den Sprung längst hinter sich haben. Der nächste Wertungslauf findet Ende August in Aragon statt.
Häufige Fragen
-
Wen sieht Oliveira beim MotoGP-Nachwuchs als stärksten Fahrer?
Pedro Acosta. Für Oliveira ist er der Einzige, bei dem erkennbar ist, dass er anders ist als der Rest. Alle übrigen jungen Fahrer hält er zwar für talentiert, aber nicht für herausragend.
-
Wann fährt Pedro Acosta für Ducati?
Ab der Saison 2027. Er wechselt für 2027 und 2028 ins Ducati-Werksteam und wird dort Teamkollege von Marc Marquez. Zuvor gewann er Titel in der Moto3 und in der Moto2 und wurde 2024 Rookie des Jahres in der MotoGP.
-
Wie steht Maximo Quiles in der Moto3-WM 2026 da?
Er führt die Gesamtwertung überlegen an. Zur Saisonhalbzeit lag sein Vorsprung bei 104 Punkten auf Brian Uriarte, nach elf Rennen hatte er sechs Siege und zehn Podestplätze gesammelt. 2027 steigt der 18-Jährige in die Moto2 auf.
-
Warum gilt der Wechsel von der Moto3 in die Moto2 als schwierig?
Weil Erfolge in der kleinsten Klasse keine Garantie sind. Oliveira nennt Rueda, Collin Veijer und Izan Guevara als Beispiele. Guevara brauchte nach Oliveiras Angaben zwei bis drei Jahre, bis er in der Moto2 stark wurde.
-
Wer führt die MotoGP-WM 2026 an?
Jorge Martin mit 240 Punkten. Ihm folgen Marco Bezzecchi mit 209 und Ai Ogura mit 203 Punkten. Marc Marquez liegt mit 200 Zählern auf Rang vier.












