- 45 Prozent der Befragten erlebten binnen zwei Jahren mindestens eine kritische Situation auf der Landstraße
- 89 Prozent wissen um das hohe Risiko, 72 Prozent halten das Fahren dort trotzdem für sicher
- 57 Prozent haben noch nie an einem Fahrsicherheitstraining teilgenommen
Die Landstraße ist für viele das schönste Stück Straße überhaupt. Alleen, Kuppen, ein langgezogener Kurvenschwung durch den Wald. Genau dort passieren aber auch die schwersten Unfälle. Wie stark sich Erlebtes, Wissen und Bauchgefühl dabei unterscheiden, zeigt eine repräsentative Forsa-Umfrage im Auftrag des Deutschen Verkehrssicherheitsrates (DVR) unter 501 Motorradfahrern. Veröffentlicht wurden die Ergebnisse zum Start der bundesweiten Kampagne „Hartes Pflaster: Landstraße“.

Wie viele Motorradfahrer erleben kritische Situationen auf der Landstraße?
45 Prozent der Befragten haben in den vergangenen zwei Jahren mindestens einmal eine Situation erlebt, in der ein Unfall gerade noch vermieden werden konnte. Sieben Prozent waren in diesem Zeitraum sogar an mindestens einem Unfall auf einer Landstraße beteiligt.
Das ist kein Randphänomen, sondern betrifft fast die Hälfte aller Befragten. Der Beinahe-Unfall gehört damit für viele zum normalen Fahralltag, ohne dass er später noch als Warnsignal wahrgenommen wird.
Warum fühlen sich viele trotz bekanntem Risiko sicher?
89 Prozent der Befragten wissen, dass sich die meisten tödlichen Motorradunfälle auf Landstraßen ereignen. Trotzdem empfinden 72 Prozent das Fahren dort als sicher.
Diese Lücke zwischen Wissen und Gefühl zählt für den DVR zu den zentralen Ergebnissen der Umfrage. DVR-Präsident Manfred Wirsch ordnet das so ein: „Die Umfrage zeigt: Menschen neigen dazu, das eigene Risiko zu unterschätzen. Jede unfallfreie Fahrt kann das Gefühl verstärken, unfehlbar zu sein und jede Situation im Griff zu haben. Routine und Selbstvertrauen sind beim Motorradfahren zwar wichtige Begleiter – aber keine Lebensversicherung.“

Welche Gefahren nennen Motorradfahrer am häufigsten?
Ganz oben steht der Zustand der Fahrbahn. 93 Prozent nennen einen schlechten Straßenzustand als Risiko, direkt dahinter folgen nasse oder glatte Fahrbahnen mit 91 Prozent.
Das komplette Bild sieht so aus:
- schlechter Straßenzustand: 93 Prozent
- nasse oder glatte Fahrbahnen: 91 Prozent
- Wildwechsel oder andere Hindernisse: 90 Prozent
- riskante Überholmanöver anderer Verkehrsteilnehmer: 89 Prozent
- gefährliche Manöver anderer Motorradfahrer: 84 Prozent
- dicht auffahrende Autos: 84 Prozent
Auffällig ist, dass die meisten dieser Punkte von außen kommen. Das eigene Fahrverhalten taucht in dieser Aufzählung praktisch nicht auf.
Die Kurve als blinder Fleck
Nur 56 Prozent der Befragten sehen in kurvigen Straßen ein Risiko. Damit landet ausgerechnet der Streckenabschnitt am Ende der Liste, der für Motorradfahrer statistisch besonders kritisch ist. Der DVR verweist darauf, dass die Unfallzahlen ein anderes Bild zeichnen als die Wahrnehmung.
Wirsch spricht darüber, dass Kurvenfahrten den besonderen Reiz des Motorradfahrens ausmachen, sich genau dort aber auch entscheidet, wie sicher jemand unterwegs ist. Aus seiner Sicht gibt es in Kurven keinen Raum für Übermut, weil nur eine vorsichtige Fahrweise zuverlässig ans Ziel führt.

Wie verändert das Fahren in der Gruppe das Risiko?
68 Prozent der Befragten stimmen der Aussage zu, dass manche Motorradfahrer in der Gruppe riskanter fahren. Bei den 18- bis 39-Jährigen sind es 76 Prozent.
Dahinter steckt ein sozialer Mechanismus. 48 Prozent finden, dass gute Fahrfähigkeiten auch auf der Straße gezeigt werden sollten. 26 Prozent geben an, dass deutlich vorsichtigeres Fahren innerhalb einer Gruppe schnell negativ auffällt. Dass Risiko grundsätzlich zum Motorradfahren dazugehört, finden dagegen nur 15 Prozent, in der jüngeren Altersgruppe 23 Prozent.
Wirsch beschreibt den Druck innerhalb einer Gruppe als enorm. Gerade jüngere Fahrer ließen sich dadurch häufiger zu Manövern hinreißen, die sie allein nie riskieren würden. Wahres Können zeige sich für ihn nicht darin, mit der Gruppe mitzuhalten, sondern die eigenen Grenzen zu kennen und das eigene Tempo zu fahren.
Ungeduld und Abstand: Was die Fahrer über sich selbst sagen
Die Mehrheit der Befragten schätzt das eigene Verhalten als verantwortungsbewusst ein. In den Details tauchen trotzdem typische Risikomuster auf. 32 Prozent werden ungeduldig, wenn sie hinter langsameren Fahrzeugen herfahren müssen, bei den 18- bis 39-Jährigen sind es 47 Prozent. 17 Prozent räumen ein, dichter aufzufahren als für einen sicheren Abstand nötig wäre, in der jüngeren Gruppe 26 Prozent.
Ungeduld und zu geringer Abstand sind genau die Zutaten, aus denen auf der Landstraße spontane Überholmanöver entstehen. Kritisch wird es vor allem vor Kurven, Kuppen und Einmündungen, wo die Strecke nicht einsehbar ist.
Warum gehen so wenige zum Fahrsicherheitstraining?
Am Nutzen liegt es nicht: 88 Prozent der Befragten sind überzeugt, dass Fahrsicherheitstrainings helfen, kritische Situationen zu vermeiden. Teilgenommen haben trotzdem 57 Prozent noch nie.
Zehn Prozent haben in den vergangenen zwei Jahren ein Training absolviert, 13 Prozent in den vergangenen fünf Jahren. Deutlich wird dabei ein Zusammenhang mit der Fahrleistung. Von den Motorradfahrern mit mehr als 5.000 Kilometern im Jahr hat bereits mehr als die Hälfte ein Training gemacht. Bei weniger als 3.000 Kilometern jährlich ist es nur rund ein Drittel. Wer einmal dabei war, bewertet den Nutzen zudem höher.
Für Wirsch macht Erfahrung hier den Unterschied. Er argumentiert, dass es im Ernstfall keine zweite Chance für die richtige Reaktion gebe, man diese Reaktion vorher aber trainieren könne.
Was sagen die Unfallzahlen über die Landstraße?
Die Landstraße ist der Straßentyp mit den meisten Verkehrstoten. Nach den endgültigen Zahlen des Statistischen Bundesamtes starben 2025 in Deutschland 2.832 Menschen im Straßenverkehr, 56 Prozent davon auf Landstraßen. In absoluten Zahlen sind das 1.580 Menschen.
Bemerkenswert ist das Verhältnis: Auf Landstraßen wurden nur rund 26 Prozent aller Verletzten registriert, aber eben mehr als die Hälfte aller Getöteten. Die Unfälle passieren also seltener, enden aber deutlich häufiger tödlich. Als Gründe nennt das Statistische Bundesamt unter anderem die höheren Geschwindigkeiten, die fehlende bauliche Trennung zum Gegenverkehr, schlechte Überholmöglichkeiten und ungeschützte Hindernisse wie Bäume am Fahrbahnrand. Überhöhte oder nicht angepasste Geschwindigkeit bleibt die häufigste Ursache tödlicher Unfälle. Auf Landstraßen ging 2025 rund ein Drittel der Todesfälle darauf zurück, konkret 532 Getötete.
Für Motorradfahrer fällt die Bilanz etwas anders aus als für die meisten anderen Verkehrsteilnehmer. 2024 kamen 513 Fahrer von Krafträdern mit amtlichem Kennzeichen ums Leben. Für 2025 meldete das Statistische Bundesamt nach vorläufigen Zahlen für den Zeitraum von Januar bis November einen Rückgang um 41 Getötete oder rund acht Prozent. Diese Werte sind ausdrücklich vorläufig und können von der endgültigen Auswertung abweichen.

Was steckt hinter der Kampagne „Hartes Pflaster: Landstraße“?
„Hartes Pflaster: Landstraße“ ist die aktuelle Ausbaustufe einer Kampagne, die der DVR seit 2021 gemeinsam mit dem Bundesministerium für Verkehr (BMV) und der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) umsetzt. Der neue Durchgang startete am 20. Juli 2026.
Im Mittelpunkt stehen vier Plakatmotive, die typische Gefahrensituationen aufgreifen und dabei bewusst mit einem Augenzwinkern arbeiten. Die Motive laufen unter den Titeln „Sau kommt selten allein“, „Baum schlägt Auto“, „Auffahren gibt Stress“ und „Falsches Tempo verzeiht nichts“. Das Motorradmotiv zeigt die Fahrt über eine Landstraße aus der Perspektive des Fahrers, auf der Windschutzscheibe des entgegenkommenden Fahrzeugs ein Totenkopf.
Die Plakate hängen deutschlandweit an mehr als 1.000 Standorten entlang von Landstraßen, auf Großflächen und an Tankstellen in ländlichen Regionen. Dazu kommen eine Videoserie, Radiospots, Social-Media-Maßnahmen und Kooperationen mit Influencern. Die Kampagne richtet sich ausdrücklich nicht nur an Motorradfahrer, sondern an alle Verkehrsteilnehmer auf Landstraßen. Alle Inhalte sind über die Kampagnenseite sichere-landstrasse.de abrufbar, das Material stellt der DVR zusätzlich als Kampagnen-Kit zum Download bereit.
Wirsch fasst den Ansatz so zusammen: „Verkehrssicherheit entscheidet sich selten in großen Momenten. Sie entsteht aus vielen kleinen Entscheidungen: etwas weniger Tempo, etwas mehr Abstand und ein kurzer Moment Geduld.“

Häufige Fragen
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Wie gefährlich ist die Landstraße für Motorradfahrer wirklich?
Die Landstraße ist der Straßentyp mit den meisten Verkehrstoten in Deutschland. 2025 starben dort 1.580 Menschen, das entspricht 56 Prozent aller Verkehrstoten. Gleichzeitig ereignen sich dort nur rund 26 Prozent aller Unfälle mit Verletzten, die Unfallfolgen sind also überdurchschnittlich schwer.
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Wie viele Motorradfahrer hatten schon einen Beinahe-Unfall?
45 Prozent der 501 befragten Motorradfahrer haben in den vergangenen zwei Jahren mindestens eine kritische Situation erlebt, in der ein Unfall knapp vermieden wurde. Sieben Prozent waren im selben Zeitraum an mindestens einem Unfall auf einer Landstraße beteiligt.
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Warum werden Kurven als Risiko unterschätzt?
Nur 56 Prozent der Befragten sehen in kurvigen Straßen eine Gefahr, während schlechter Straßenzustand oder Nässe von über 90 Prozent genannt werden. Der DVR verweist darauf, dass die Unfallzahlen ein anderes Bild zeigen und Kurvenfahren für Motorradfahrer besonders risikobehaftet ist.
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Bringt ein Fahrsicherheitstraining wirklich etwas?
88 Prozent der Befragten sind überzeugt, dass Trainings helfen, kritische Situationen zu vermeiden. Wer bereits teilgenommen hat, bewertet den Nutzen sogar noch höher. Trotzdem waren 57 Prozent bislang noch nie bei einem solchen Training.
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Wann läuft die Kampagne „Hartes Pflaster: Landstraße“?
Der aktuelle Kampagnendurchgang startete am 20. Juli 2026. Die Landstraßen-Kampagne selbst läuft bereits seit 2021 und wird vom DVR gemeinsam mit dem Bundesministerium für Verkehr und der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung getragen.











