- Neumeister: klares Bekenntnis zum Standort Österreich mit über 440 Ingenieuren
- Zweites Quartal 2026 mit dem ersten positiven operativen Ergebnis seit dem Ende der Sanierung
- Der MotoGP-Vertrag bis 2031 war laut Neumeister nur mit Rückendeckung von Bajaj möglich
Vor gut einem Jahr hat ein Satz aus Indien in Oberösterreich für Unruhe gesorgt. Rajiv Bajaj, Chef des KTM-Eigentümers Bajaj Auto, erklärte die europäische Produktion für tot. Seitdem hält sich die Sorge, dass die Bänder in Mattighofen irgendwann stillstehen und KTM-Motorräder nur noch in Indien gebaut werden. Jetzt hat Gottfried Neumeister diesen Gerüchten erneut widersprochen. In einem Interview spricht der KTM-Chef außerdem offen darüber, wie die Zusammenarbeit mit dem neuen Eigentümer funktioniert, warum Bajaj mit dem Rennsport anfangs wenig anfangen konnte und wie es um die Zahlen des Unternehmens steht.

Bleibt die KTM-Produktion in Mattighofen?
Ja. Nach Aussage von KTM-Chef Gottfried Neumeister ist eine Verlagerung der Produktion nach Indien kein Thema, es gebe ein klares Bekenntnis zu Österreich. „Es gab auch die Gerüchte, dass die Produktion nach Indien verlegt wird, aber es gibt ein klares Bekenntnis zu Österreich. Wir haben über 440 Ingenieure, die Spitzenprodukte entwerfen und Maßstäbe setzen“, sagt Neumeister.
Mattighofen ist auch auf dem Papier das Zentrum der Gruppe geblieben. Dort hat inzwischen auch die Bajaj Mobility AG ihren Sitz, die frühere Pierer Mobility AG und Muttergesellschaft der KTM AG. Schon während der Sanierung hatte das Unternehmen erklärt, dass Mattighofen und das benachbarte Munderfing die industrielle Basis des Motorradgeschäfts bleiben sollen. Neumeister hatte im Mai 2025, kurz nach der Rettung durch Bajaj, außerdem darauf verwiesen, dass der komplette Offroad-Bereich in Mattighofen gefertigt wird. Für diese Modelle gebe es in Indien weder eine passende Lieferkette noch das nötige Know-how.
Woher kamen die Gerüchte über eine Verlagerung nach Indien?
Auslöser war vor allem ein Fernsehinterview von Rajiv Bajaj im August 2025. Im indischen Wirtschaftssender CNBC TV18 sagte der Chef von Bajaj Auto mit Blick auf die hohen Kosten in Europa: „Die europäische Produktion ist tot.“
Die Aussage bezog sich zwar auf den Markt allgemein. Bajaj nannte aber ein Beispiel, das in Mattighofen aufhorchen ließ. Der britische Hersteller Triumph habe seine gesamte Fertigung nach Thailand verlagert und baue inzwischen auch in Indien. „Wenn Triumph das vor 15 Jahren machen konnte, warum prinzipiell nicht auch KTM?“, fragte Bajaj. Der Standort Indien sei sehr wettbewerbsfähig. Die KTM-Motorräder, die Bajaj schon heute in Indien baut und exportiert, würden ein Ergebnis von mehr als 30 Prozent bringen, gemessen am EBITDA. Gemeint ist damit das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen.
Gleichzeitig nannte Bajaj KTM als Premium- und Lifestyle-Anbieter „von unschätzbarem Wert“ für seinen Konzern. „Wir müssen die Marke wiederherstellen und die Kosten zurückfahren“, sagte er damals. Wenn das gelinge, habe KTM eine „strahlende Zukunft“. Neumeister reagierte schon im September 2025 auf die Debatte: „Es gibt derzeit keine Pläne, die Produktion zu verlagern.“
Die Sorge kam nicht aus dem Nichts. Bajaj hatte KTM mit einer Finanzspritze von 800 Millionen Euro (circa 895 Millionen US-Dollar) aus der Insolvenz gerettet und im Gegenzug die Kontrolle übernommen. Im Oktober 2025 gab die österreichische Übernahmekommission grünes Licht, im November 2025 übernahm Bajaj Auto die alleinige Kontrolle über die frühere Pierer Bajaj AG. Diese Gesellschaft hält 74,94 Prozent an der Bajaj Mobility AG. Damit kontrolliert Bajaj mittelbar auch die KTM AG.

Wie hat Neumeister Bajaj vom Motorsport überzeugt?
Mit viel Überzeugungsarbeit und mehreren Reisen nach Indien. Neumeister beschreibt, dass der neue Eigentümer mit dem Rennsport zunächst wenig anfangen konnte, weil Bajaj aus einem ganz anderen Markt kommt.
„Zu Beginn gab es wenig Verständnis für das Thema Motorsport“, sagt Neumeister. „Sie kommen aus der Welt der Pendler, wo über den Preis verkauft wird, dort sind andere Attribute wichtig als bei uns. Es brauchte einige Reisen von mir nach Indien, um sie zu überzeugen. Wir hätten unser Bekenntnis für die nächsten fünf Jahre zur MotoGP nicht ohne deren Rückhalt abgeben können.“
Dieses Bekenntnis ist inzwischen unterschrieben. Am 19. Juni 2026 haben die MotoGP Group und die fünf Hersteller KTM, Aprilia, Ducati, Honda und Yamaha eine gemeinsame Vereinbarung für die Jahre 2027 bis 2031 bestätigt. Erstmals in der Geschichte der Serie haben damit alle Hersteller einen einzigen Vertrag über die nächsten fünf Jahre unterzeichnet. Ende September besuchte Bajaj-Finanzchef Dinesh Thapar zudem erstmals eine MotoGP-Veranstaltung in Spielberg, um sich selbst ein Bild davon zu machen, welche Rolle der Rennsport für KTM und den Absatz spielt. In der MotoGP-Saison 2026 hat KTM auch sportlich wieder ein Erfolgserlebnis: Pedro Acosta holte beim Heimrennen am Red Bull Ring den ersten KTM-Sieg in der Königsklasse seit fast vier Jahren.
Wichtig ist Neumeister auch die Rollenverteilung. Bajaj habe nicht das Management übernommen, er habe von oben die Erlaubnis bekommen, ein unabhängiges Team aufzubauen. Die Vorstandsmitglieder könne er frei wählen. In den ersten 18 Monaten sei er dabei quasi allein gewesen, weil er den Job niemandem schmackhaft machen konnte. „Jetzt sind wir gut aufgestellt, Bajaj ist zufrieden damit die Gesamtübersicht zu haben, und wir kümmern uns um die Show“, sagt Neumeister.
Freie Hand ohne Bedingungen ist das allerdings nicht. „Ich weiß nicht, wie lange die Leine ist, wenn wir keine Ergebnisse abliefern und Fortschritte erzielen“, räumt der KTM-Chef ein. Er spricht offen darüber, dass sich der Rennsport rechtfertigen muss, wenn gleichzeitig 500 Menschen entlassen werden. Deshalb müsse KTM mit Daten belegen, wie sich Erfolge auf der Strecke auf die Verkaufszahlen auswirken.
Wie steht KTM nach der Sanierung wirtschaftlich da?
Deutlich besser als vor einem Jahr, aber noch nicht über den Berg. Im zweiten Quartal 2026 hat die Gruppe erstmals seit dem Abschluss der Sanierungsverfahren wieder ein positives operatives Ergebnis erzielt, über das gesamte erste Halbjahr steht unter dem Strich aber noch ein Verlust.
Laut Halbjahresbericht der Bajaj Mobility AG stieg der Konzernumsatz im ersten Halbjahr 2026 um 65 Prozent auf 701,4 Millionen Euro (circa 784 Millionen US-Dollar). Das EBITDA drehte von minus 183,3 Millionen Euro (circa minus 205 Millionen US-Dollar) im Vorjahreszeitraum auf plus 37,6 Millionen Euro (circa 42 Millionen US-Dollar). Das EBIT, also das operative Ergebnis vor Zinsen und Steuern, lag im Halbjahr noch bei minus 24,8 Millionen Euro (circa minus 27,7 Millionen US-Dollar). Im zweiten Quartal allein waren es dagegen plus 1,3 Millionen Euro (circa 1,5 Millionen US-Dollar). Das Periodenergebnis für das erste Halbjahr lag bei minus 47,0 Millionen Euro (circa minus 52,6 Millionen US-Dollar). Der Vergleich mit dem Vorjahr ist nur bedingt aussagekräftig, weil Produktion und Vertrieb im ersten Halbjahr 2025 wegen der Sanierung zeitweise stillstanden.
Neumeister ordnet das Quartal selbst vorsichtig ein. „Im zweiten Quartal haben wir zum ersten Mal seit zwei Jahren auf EBIT-Level die Gewinnschwelle erreicht“, sagt er. „Endlich wieder Profit zu machen, ist eine große Erleichterung für uns.“ Und weiter: „Wir müssen aber unsere Füße auf dem Boden behalten, ein gutes Quartal macht noch keine gute Bilanz. Und zwei gute Quartale machen keine gesunde Firma.“
Wie viele Motorräder hat KTM im ersten Halbjahr 2026 verkauft?
Neumeister spricht von fast 100.000 verkauften Motorrädern. Im Halbjahresbericht stehen für die Marken KTM, Husqvarna und GasGas 89.004 Motorräder, nach 46.386 im Vorjahr. Hinzu kommen 58.568 Motorräder, die Bajaj Auto direkt in Indien verkauft hat. Zusammen sind das 147.572 Motorräder der drei Marken. In Europa setzte die Gruppe 43.426 Motorräder ab, mehr als doppelt so viele wie ein Jahr zuvor. Der Motorradumsatz der drei Marken stieg um 109,1 Prozent auf 579,6 Millionen Euro (circa 648 Millionen US-Dollar).
Rückenwind kam auch vom Markt. In den fünf großen europäischen Märkten Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien und Großbritannien wurden laut dem Herstellerverband ACEM im ersten Halbjahr 2026 insgesamt 16,8 Prozent mehr Motorräder neu zugelassen als ein Jahr zuvor. Neumeister sieht KTM trotzdem vor der Konkurrenz: „Wenn ich mir unser Umfeld anschaue, dann verlieren die anderen europäischen Hersteller im ersten Halbjahr. Natürlich sagt jetzt jeder, dass wir von einem niedrigeren Level kommen; es ist trotzdem sehr ermutigend, dass wir über dem Markt performen und fast 100.000 Motorräder verkauft haben.“

Wie viele Mitarbeiter hat KTM nach der Sanierung noch?
Ende Juni 2026 beschäftigte die Bajaj Mobility Gruppe 3.416 Mitarbeiter. Ende 2025 waren es noch 3.782, Ende 2023 mehr als 6.000.
Anfang 2026 hatte das Unternehmen einen weiteren Abbau von rund 500 Stellen gestartet, der vor allem Angestellte und das mittlere Management betrifft. Er soll im dritten Quartal 2026 abgeschlossen sein. Zusammen mit der Umstrukturierung sanken die sogenannten Overheadkosten, also die Kosten für Verwaltung und Organisation, allein im zweiten Quartal um 56,9 Millionen Euro (circa 63,6 Millionen US-Dollar). Außerdem gingen die Lagerbestände bei KTM, Händlern und Importeuren seit Jahresbeginn um 10.190 Motorräder zurück.
Auch finanziell steht KTM inzwischen auf eigenen Beinen. Im Februar 2026 erhielt die KTM AG von einem Bankenkonsortium einen Refinanzierungskredit über 550 Millionen Euro (circa 615 Millionen US-Dollar) mit fünf Jahren Laufzeit. Damit wurde unter anderem ein zuvor von Bajaj gewährtes Darlehen zurückgezahlt. Gleichzeitig sinkt die laufende Zinslast.
Wie geht es bei KTM weiter?
KTM will zuerst dauerhaft profitabel werden und erst danach wieder wachsen. „Menge ist nicht alles, wir müssen zuerst profitabel werden, bevor wir das Unternehmen skalieren können“, sagt Neumeister. „Wir sind auf einem guten Weg, alle neuen Produkte kommen gut an. Davon hängt es ab, wie es mit der Firma weitergeht.“
Für die zweite Jahreshälfte plant das Management weitere Kostensenkungen, eine einfachere Organisation und neue Modelle. Ob das positive Ergebnis des zweiten Quartals hält, macht das Unternehmen ausdrücklich von der Nachfrage sowie von wirtschaftlichen und geopolitischen Rahmenbedingungen abhängig. Das Ziel bleibt, die Profitabilität zu verbessern und dauerhaft positive freie Cashflows zu erreichen. Nach den 18 Monaten Krise seit Herbst 2024 will sich KTM wieder als eine der führenden Marken weltweit und vor allem in Europa positionieren.

Häufige Fragen
-
Wird die KTM Produktion nach Indien verlagert?
Nein, nach Aussage von KTM-Chef Gottfried Neumeister gibt es ein klares Bekenntnis zum Standort Österreich. Mattighofen und Munderfing sollen die industrielle Basis des Motorradgeschäfts bleiben. Einen Teil der KTM-Motorräder baut Bajaj allerdings schon heute in Indien und exportiert sie von dort.
-
Wem gehört KTM?
KTM gehört mittelbar dem indischen Hersteller Bajaj Auto. Seit November 2025 kontrolliert Bajaj Auto allein die frühere Pierer Bajaj AG, die 74,94 Prozent an der Bajaj Mobility AG hält. Die Bajaj Mobility AG ist die Muttergesellschaft der KTM AG und hat ihren Sitz in Mattighofen.
-
Wie viele Motorräder hat KTM 2026 verkauft?
Im ersten Halbjahr 2026 verkaufte die Gruppe 89.004 Motorräder der Marken KTM, Husqvarna und GasGas. Zusammen mit den 58.568 Motorrädern, die Bajaj Auto in Indien abgesetzt hat, waren es 147.572 Motorräder. Ein Jahr zuvor waren es ohne die Verkäufe in Indien 46.386 Motorräder.
-
Bleibt KTM in der MotoGP?
Ja, KTM hat sich bis einschließlich 2031 an die MotoGP gebunden. Die Vereinbarung zwischen der MotoGP Group und den fünf Herstellern für die Jahre 2027 bis 2031 wurde am 19. Juni 2026 bestätigt. Laut Neumeister wäre dieses Bekenntnis ohne den Rückhalt von Bajaj nicht möglich gewesen.












