- 52 vorgezogene Aufstellflächen sollen 2027 auf rund 100 anwachsen
- Sechs Aufprallabsorber für Geschwindigkeiten bis 50 km/h als Pilotversuch
- 84.083 Motorradstellplätze auf der Fahrbahn, 40.000 weitere bis 2030 geplant
In vielen europäischen Städten dreht sich die Verkehrspolitik seit Jahren um weniger Autos, mehr Platz für Fußgänger und saubere Luft. Motorräder und Roller geraten dabei oft zwischen die Fronten. Barcelona geht einen anderen Weg und behandelt das Zweirad als festen Teil des Stadtverkehrs. Am 21. Juli 2026 hat die Stadtverwaltung ein Paket vorgestellt, das gezielt auf die Sicherheit von Motorradfahrern zielt. Wie weit das von der Lage in anderen Ländern entfernt ist, zeigt der Vergleich.

Was hat Barcelona für Motorradfahrer beschlossen?
Barcelona kündigt drei Maßnahmen an: mehr vorgezogene Aufstellflächen an Ampeln, einen Pilotversuch mit Aufprallschutz und einen zweiten Pilotversuch mit reflektierenden Markierungen. Umgesetzt werden soll das Paket ab Ende 2026 und im Lauf des Jahres 2027.
Vorgestellt hat die Pläne die erste stellvertretende Bürgermeisterin Laia Bonet. Erarbeitet wurden sie im sogenannten Observatorium für das Motorrad, einem Arbeitskreis der Stadtverwaltung. Beteiligt sind das Fahrerkollektiv Motoristes per Barcelona, der Branchenverband Anesdor und der Opferverband P(A)T, unterstützt von der spanischen Verkehrsbehörde DGT. Anesdor-Generalsekretär José María Riaño sprach davon, dass der Verband die Schritte „muy positivas“ bewerte, also für sehr positiv halte. Nach Angaben des Verbands stellen Motorräder in Barcelona 20,1 Prozent des gesamten Fahrzeugbestands.
Wie funktionieren die vorgezogenen Aufstellflächen an Ampeln?
Eine vorgezogene Aufstellfläche ist ein markierter Bereich vor der Haltelinie der Autos. Motorräder können dort bei Rot nach vorn fahren und stehen für die anderen Verkehrsteilnehmer besser sichtbar.
In Barcelona heißen diese Flächen ZAM, kurz für zonas avanzadas de motos. Aktuell gibt es 52 davon, eingerichtet zwischen 2009 und 2011 und fast ausschließlich im Bezirk Eixample. Schwerpunkte sind die Carrer d’Aragó und die Gran Via de les Corts Catalanes. Noch vor Ende 2026 soll die Beschilderung dieser 52 Zonen überarbeitet und verbessert werden. Anschließend folgt der Ausbau: Rund 20 Kreuzungen entlang der Carrer d’Aragó bekommen erstmals eine solche Fläche, weitere entstehen entlang der Gran Via. Damit soll die Zahl im Jahr 2027 die Marke von 100 erreichen.

Was bringt der geplante Aufprallschutz an Tunneleinfahrten?
Die Stadt will sechs Aufprallabsorber testen, die Energie bei einem Zusammenstoß aufnehmen und schwere Verletzungen verringern sollen. Ausgelegt sind sie auf Geschwindigkeiten bis 50 km/h.
Solche Systeme kennt man bislang vor allem von Autobahnausfahrten und Mautstellen, wo deutlich höhere Geschwindigkeiten gefahren werden. Die Barceloneser Variante wurde nach Angaben der Stadt eigens für den Stadtverkehr entwickelt und erprobt. Laut Bonet ist der Einsatz im geschlossenen Stadtgebiet in dieser Form der erste in Spanien. Aufgestellt werden sollen die Absorber an Betonstrukturen, die bei einem Sturz besonders gefährlich sind, also an Gabelungen und Ausfahrten von Schnellstraßen. Geprüft werden unter anderem die Einfahrt zum Tunnel de les Glòries in Richtung Besòs, die Einfahrt zum Tunnel de Lesseps in Richtung Llobregat und die Tunneleinfahrt der Ronda del General Mitre in Richtung Llobregat. Die Geräte sollen vor Ende 2026 montiert werden, der eigentliche Versuch läuft über 2027. Fällt die Bilanz positiv aus, soll die Lösung stadtweit übernommen werden.
Parallel läuft ein zweiter Versuch mit gelb fluoreszierenden Leitelementen, die Hindernisse besser sichtbar machen. Sie kommen bereits im Sommer 2026 an die Ronda de Dalt zwischen den Ausfahrten 5 und 6, wo Betonbarrieren wegen Bauarbeiten stehen, sowie an drei Punkten der Plaça de Tetuan.
Warum sollen die Motorräder in Barcelona von den Gehwegen verschwinden?
Barcelona will Gehwege für Fußgänger frei halten und schafft dafür seit Jahren Stellplätze auf der Fahrbahn. Das Parken auf dem Gehweg wird im Gegenzug schrittweise eingeschränkt.
Die Zahlen zeigen den Umfang: Zwischen 2019 und dem Stand des städtischen Mobilitätsplans stieg die Zahl der Motorradstellplätze auf der Fahrbahn von 66.959 auf 84.083, ein Plus von 25 Prozent. Die meisten davon liegen im Bezirk Sant Martí mit 16.095 Plätzen, gefolgt von Eixample mit 13.873 und Sarrià-Sant Gervasi mit 12.084. Die auf Gehwegen markierten Motorradparkplätze gingen im selben Zeitraum von 4.971 auf 4.532 zurück.
Seit dem 1. Februar 2025 gilt eine strengere Mobilitätsverordnung. Sie verbietet das Abstellen unter anderem neben Fahrradparkplätzen, an Gehwegabsenkungen, auf Radwegen und dort, wo Müllcontainer blockiert würden. Hinzu kommen die Zugänge zu Schulen und Krankenhäusern. Betroffen sind 325 Einrichtungen, davon 296 Schulen und 29 Krankenhäuser. Insgesamt sollen mehr als 4.300 Gehwegabschnitte motorradfrei werden, im direkten Umfeld sind 700 Ersatzplätze auf der Fahrbahn vorgesehen. Der Mobilitätsplan sieht bis 2030 rund 40.000 zusätzliche Fahrbahnplätze vor. Bonet räumte bei der Vorstellung ein, dass dafür ein Umdenken nötig sei, und sagte, eine Etappe des Weges müsse künftig zwangsläufig zu Fuß zurückgelegt werden („Una etapa del viaje deberá ser necesariamente a pie“).
Seit Mai 2026 kontrolliert die Stadtpolizei schärfer, zunächst in den Vierteln Sants, Hostafrancs und la Bordeta. Die Bußgelder reichen von 50 Euro (circa 57 US-Dollar) für das Abstellen auf schmalen Gehwegen bis zu 500 Euro (circa 570 US-Dollar) an Zugängen zu Krankenhäusern und Schulen. Begleitend entstanden 2.500 zusätzliche Stellplätze auf der Fahrbahn.

Wie viele Motorradstellplätze gibt es in Großbritannien?
In britischen Parkhäusern der Kommunen waren zuletzt 4.241 von insgesamt 1.046.437 Stellplätzen für Motorräder ausgewiesen. Das entspricht einem Anteil von 0,41 Prozent.
Diese Zahl stammt aus einer Auswertung von 2025, die auf Auskunftsersuchen nach dem Freedom-of-Information-Gesetz beruht. Ein Jahr später zeigt die Nachuntersuchung von 65 Kommunen eine Bewegung, wenn auch eine kleine: 62 zusätzliche ausgewiesene Plätze sind entstanden, auf denen rund 194 Motorräder Platz finden. Den größten Zuwachs meldet Nottinghamshire mit 19 zusätzlichen Plätzen, verteilt auf zwei kommunale Parkhäuser, in London kamen 11 hinzu. 13 der 65 untersuchten Kommunen weisen weiterhin keinen einzigen Platz für Motorräder aus. Knapp die Hälfte der Kommunen lässt Motorräder kostenlos parken.
Angestoßen hat die Erhebung der Versicherungsmakler Bikesure, unterstützt von der Motorcycle Action Group. Bikesure-Geschäftsführer Rob Balls ordnet das Ergebnis zurückhaltend ein. Er spricht davon, dass die Zahlen weiterhin nicht aufgingen und Motorradfahrer mehr verdient hätten, sieht aber einen Anfang: „Change takes time and this is a step in the right direction“, auf Deutsch: „Veränderung braucht Zeit, und das ist ein Schritt in die richtige Richtung.“
Wie regelt Paris das Parken von Motorrädern?
In Paris ist das Parken von Motorrädern und Rollern im öffentlichen Straßenraum seit dem 1. September 2022 gebührenpflichtig. Rund 42.000 Plätze sind eigens für motorisierte Zweiräder ausgewiesen.
Die Gebühr entspricht der Hälfte des Satzes für Pkw und fällt von Montag bis Samstag zwischen 9 und 20 Uhr an. Sonntags und an Feiertagen ist das Parken frei. Wer nicht zahlt, zahlt nach: Die Nachzahlpauschale liegt bei 37,50 Euro (circa 43 US-Dollar) in Zone 1 und bei 25 Euro (circa 28 US-Dollar) in Zone 2. Elektrische Zweiräder, Menschen mit Behinderung und Beschäftigte in der häuslichen Pflege können unter bestimmten Bedingungen kostenlos parken. Das Abstellen auf Gehwegen und auf reinen Fahrradstellplätzen ist untersagt und kann zum Abschleppen führen.

Was gilt beim Motorradparken in Deutschland?
In Deutschland gibt es keine bundesweite Regelung, die Motorrädern eigene Flächen zusichert. Motorräder dürfen dort abgestellt werden, wo auch Autos parken dürfen, alles Weitere entscheiden die Kommunen.
Nach Angaben des Kraftfahrt-Bundesamts waren zum 1. Januar 2026 knapp über fünf Millionen Krafträder zugelassen, ein Plus von 0,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Ausgewiesene Motorradparkplätze existieren zwar, sie sind an einem blauen Parkschild mit Zusatzzeichen erkennbar, umfassen aber häufig nur zwei bis 15 Stellplätze. Das Parken auf dem Gehweg ist nach der Straßenverkehrsordnung nicht zulässig, wird in vielen Städten jedoch geduldet, solange Fußgänger nicht behindert werden. Ein Bußgeld droht in der Regel erst bei tatsächlicher Behinderung. Hinzu kommt ein praktisches Problem: Parkschein und Parkscheibe lassen sich am Motorrad kaum sicher anbringen, weshalb bewirtschaftete Flächen oft gemieden werden.
Eine zentrale Übersicht fehlt. Der Bundesverband der Motorradfahrer führt eine eigene Sammlung von Motorradparkplätzen, deren Datenstand allerdings auf den 29. Dezember 2021 zurückgeht. Der 1958 gegründete Verband beschäftigt sich derzeit vor allem mit Streckensperrungen für Motorräder und unterstützt Klagen einzelner Mitglieder gegen solche Anordnungen. Eine Erhebung, die mit der britischen Auswertung vergleichbar wäre, existiert für Deutschland nicht.
Was die Beispiele gemeinsam haben
Alle vier Städte und Länder stehen vor derselben Ausgangslage: Der Platz im Stadtraum ist knapp, Gehwege sollen frei bleiben, und die Zahl der Zweiräder bleibt hoch. Die Antworten fallen unterschiedlich aus. Barcelona verlagert das Parken von der Fläche für Fußgänger auf die Fahrbahn und investiert zusätzlich in Sicherheitstechnik. Paris hat vor allem an der Gebührenschraube gedreht und dabei ein dichtes Netz eigener Flächen behalten. In Großbritannien bewegt sich seit einer öffentlich diskutierten Erhebung wenigstens etwas. In Deutschland bleibt die Frage weitgehend den einzelnen Städten überlassen.
Damit reiht sich der Vorstoß aus Barcelona in eine Entwicklung ein, die den Stadtverkehr in Europa seit einigen Jahren prägt und die auch für kommende Regelungen in deutschen Innenstädten ein Maßstab sein dürfte.
Häufige Fragen
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Was sind die ZAM in Barcelona?
ZAM steht für zonas avanzadas de motos und bezeichnet markierte Flächen vor der Haltelinie an Ampeln. Motorräder stellen sich dort vor den übrigen Verkehr und sind besser sichtbar. Barcelona hat aktuell 52 solcher Zonen und will 2027 rund 100 erreichen.
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Wie viele Motorradparkplätze gibt es in Barcelona?
Auf der Fahrbahn sind 84.083 Stellplätze für Motorräder markiert, dazu kommen 4.532 Plätze auf Gehwegen. Der städtische Mobilitätsplan sieht bis 2030 rund 40.000 zusätzliche Fahrbahnplätze vor.
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Was kostet falsches Parken mit dem Motorrad in Barcelona?
Die Bußgelder liegen zwischen 50 Euro (circa 57 US-Dollar) und 500 Euro (circa 570 US-Dollar). Der höchste Satz gilt für das Abstellen an Zugängen zu Krankenhäusern und Schulen. Kontrolliert wird seit Mai 2026 verstärkt, zunächst in den Vierteln Sants, Hostafrancs und la Bordeta.
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Darf man in Deutschland mit dem Motorrad auf dem Gehweg parken?
Nach der Straßenverkehrsordnung ist das nicht erlaubt. In vielen Städten wird es geduldet, solange Fußgänger nicht behindert werden, ein Rechtsanspruch besteht daraus aber nicht. Ein Bußgeld droht meist erst, wenn tatsächlich jemand behindert wird.
➜ Dieser Artikel ist Teil unserer umfassenden Übersicht: Motorradrecht & Politik: Gesetze, Urteile und Entwicklungen für Motorradfahrer. Dort findest du alle wichtigen Informationen zum Thema gebündelt.












