- Eintritt in die Composizione Negoziata della Crisi offiziell bestätigt, laut Gewerkschaft läuft das Verfahren seit August
- 2.166 Zulassungen weltweit im ersten Halbjahr 2026, ein Plus von 3,4 Prozent, während das Werk seit April stillstehen soll
- 184 Beschäftigte in Solidaritätsverträgen bis zum 31. Dezember, Anhörung vor dem Gericht in Varese am 25. November
Wochenlang kursierten Berichte über einen Produktionsstopp, unbezahlte Lieferanten und eine geplatzte Beteiligung des chinesischen Herstellers CFMOTO. Am 11. September 2026 hat MV Agusta darauf reagiert und eine Mitteilung veröffentlicht, die viele dieser Berichte als Spekulation zurückweist, den Kern der Lage aber bestätigt. Das Unternehmen spricht von einer „Vermehrung von Gerüchten, Interpretationen und Berichten ohne objektive Grundlage“ und stellt dem eigene Zahlen und einen formellen Sanierungsweg gegenüber. Es ist die erste offizielle Stellungnahme seit dem Sommer und damit die bisher belastbarste Auskunft der Marke über die eigene Lage. Sie fällt in eine Phase, in der die europäische Motorradbranche seit der KTM-Insolvenz ohnehin in Bewegung ist.
Was ist die Composizione Negoziata della Crisi?
Die Composizione Negoziata della Crisi, kurz CNC, ist ein freiwilliges Sanierungsverfahren nach italienischem Recht für Unternehmen mit vorübergehendem finanziellem Ungleichgewicht. Sie ist weder eine Insolvenz noch eine Liquidation, sondern ein geordneter Verhandlungsrahmen.
Das Verfahren läuft über die nationale Plattform der Handelskammern. Die Geschäftsführung bleibt im Amt und behält die Kontrolle über das Unternehmen, ihr wird aber ein unabhängiger Sachverständiger zur Seite gestellt. Dieser verhandelt mit Banken, Lieferanten, Gläubigern und möglichen Investoren. Ziel ist eine Einigung, die Fälligkeiten, Schulden, Kapitalzuführungen und den Industrieplan neu ordnet und den Betrieb am Laufen hält.
Wichtig ist, was die CNC nicht leistet: Sie löst die Krise nicht automatisch. Sie verschafft Zeit, ein Verfahren und einen Rahmen. Auf Antrag kann ein Unternehmen zusätzlich sogenannte Schutzmaßnahmen erhalten, die Gläubiger daran hindern, Vollstreckungen einzuleiten oder fortzusetzen. Diese Maßnahmen muss allerdings ein Gericht bestätigen.
MV Agusta selbst betont in der Mitteilung, dass der Zugang zur CNC „konkrete Sanierungsaussichten“ voraussetzt, und beschreibt das Verfahren als eines von mehreren Instrumenten auf einem bereits eingeschlagenen Weg. Umgekehrt gilt aber auch: Der Schritt zeigt, dass das Liquiditätsproblem eine Größenordnung erreicht hat, die ein organisiertes Eingreifen nötig macht.
Warum steigen die Zulassungen, obwohl das Werk stillstehen soll?
Zulassungszahlen zählen Motorräder, die beim Endkunden ankommen, nicht Motorräder, die das Werk verlassen. Beide Bilder können deshalb gleichzeitig stimmen.
MV Agusta meldet für das erste Halbjahr 2026 weltweit 2.166 Zulassungen im Handel, ein Plus von 3,4 Prozent gegenüber 2.094 Einheiten im Vorjahreszeitraum auf vergleichbarer Basis. Italien als größter Markt wuchs von 500 auf 644 Motorräder, ein Zuwachs von 28,8 Prozent. Frankreich legte um 42,3 Prozent zu, die USA um 24,2 Prozent. Fahrzeuge aus Händlerbeständen fließen in diese Statistik ein, auch wenn sie Monate zuvor gebaut wurden. Aus Branchenberichten stammt eine zweite Zahl, nämlich 1.238 ausgelieferte Motorräder bis Ende Juli. Beide Werte beschreiben unterschiedliche Vorgänge, und was das Werk in diesem Jahr tatsächlich gebaut hat, sagt keiner von beiden.
Ein genauerer Blick relativiert das Wachstum zusätzlich. Weltweit kamen gerade einmal 72 Motorräder dazu, Italien allein legte aber um 144 Einheiten zu. Außerhalb des Heimatmarktes ging der Absatz also zurück, von 1.594 auf 1.522 Einheiten und damit um rund 4,5 Prozent. Getragen wird das Plus derzeit vom italienischen Markt, trotz der guten Entwicklung in Frankreich und den USA.
MV Agusta ordnet die Zahlen selbst vorsichtig ein und schreibt, sie beseitigten die operativen und finanziellen Schwierigkeiten der aktuellen Phase nicht, bestätigten aber die Nachfrage, die Arbeit des Händlernetzes und den industriellen wie kommerziellen Wert der Marke. Zum Produktionsstopp äußert sich die Mitteilung an keiner Stelle.

Was sagen die Gewerkschaften zur Lage in Varese?
Die Gewerkschaften Uil und Fiom Cgil aus Varese zeichnen ein deutlich düstereres Bild als die Unternehmensmitteilung. Sie sprechen von fehlender Liquidität, unbezahlten Lieferanten und einer Produktion, die seit April ruht.
Nach ihren Angaben stehen die 184 Beschäftigten in Solidaritätsverträgen, einer italienischen Form der verkürzten Arbeitszeit mit teilweisem Lohnausgleich, vergleichbar mit der Kurzarbeit in Deutschland. Die Frist wurde bis zum 31. Dezember verlängert. Im September sollen die Mitarbeiter nur vier bis fünf Tage arbeiten, nicht pro Woche, sondern im ganzen Monat. Die Löhne seien bisher gezahlt worden, die Lieferanten dagegen nicht.
Fabio Dell’Angelo, Generalsekretär der Uil in Varese, beschreibt die Lage mit deutlichen Worten. Das Unternehmen sei „in agonia“ („in Agonie“), und er ergänzt: „Fanno un prodotto che ha ancora mercato, ma l’azienda non ha i fondi per mandare avanti l’attività“ („Sie machen ein Produkt, das noch einen Markt hat, aber das Unternehmen hat nicht die Mittel, den Betrieb weiterzuführen“).
Giorgio La Rosa von der Fiom Cgil Varese berichtet, die Angestellten in den Büros arbeiteten vor allem daran, gegenüber verbliebenen Lieferanten und Händlern den Eindruck eines noch funktionierenden Unternehmens aufrechtzuerhalten. Marinela Cozma von der Uil sagt zu den wenigen Arbeitstagen im September: „una situazione che non può durare ancora a lungo, sta diventando insostenibile“ („eine Situation, die nicht mehr lange dauern kann, sie wird untragbar“).
An der Nachfrage liegt es nach dieser Darstellung also nicht, und am Werk oder an der Belegschaft ebenfalls nicht. Was fehlt, ist Geld.
Die 35 Millionen Euro, die nie ankamen
Im März 2026 hat MV Agusta eine Kapitalerhöhung über 35 Millionen Euro (circa 40,6 Millionen US-Dollar) beschlossen. Kommen sollte das Geld von der Muttergesellschaft Art of Mobility, einer luxemburgischen Holding im Besitz der Familie Sardarov. Im Handelsregisterauszug ist die Kapitalspritze ausdrücklich als dringend nötig eingetragen, erwartet wurde sie bis Ende Juni.
Angekommen ist sie nach Gewerkschaftsangaben nie. Rechnungen an Zulieferer sollen offen geblieben sein, und wer nicht bezahlt wird, liefert irgendwann nicht mehr. So beschreiben es die Berichte aus Varese: Die Lieferkette riss, und seit April soll im Werk Schiranna nichts mehr vom Band laufen.
Im Handel fiel das zuerst nicht bei den Neufahrzeugen auf, sondern bei den Ersatzteilen. In der Mitteilung vom 11. September kommt die Summe von 35 Millionen Euro nicht vor. MV Agusta bestätigt sie weder, noch weist das Unternehmen sie zurück.

Wer könnte bei MV Agusta einsteigen?
Namen nennt MV Agusta nicht. Die Mitteilung bestätigt lediglich, dass der Eigentümer Art of Mobility mehrere Gespräche über eine mögliche Veränderung der Beteiligungsstruktur geführt hat und weiterhin führt.
Einige Möglichkeiten seien vertieft geprüft und danach als nicht gangbar eingestuft worden, andere hätten die nötigen Anforderungen an Substanz und Verlässlichkeit nicht erfüllt. Weitere Gesprächspartner und Szenarien würden noch bewertet. Das Unternehmen beschreibt den Prozess als seriös und strukturiert, seit mehreren Monaten laufend und begleitet von externen Beratern. Aus Varese heißt es zusätzlich, es werde mit einem Finanzfonds verhandelt, dessen Name bisher nicht bekannt ist.
Zum meistdiskutierten Gerücht, dem Einstieg von CFMOTO mit 49 Prozent samt Finanzierung eines Sanierungsprogramms, sagt die Mitteilung nichts. Im Juni hatten beide Seiten eine Absichtserklärung unterschrieben, eingefädelt vom damaligen Verwaltungsratsvorsitzenden Hubert Trunkenpolz, der den chinesischen Konzern aus seiner Zeit bei KTM kannte. Am 20. Juli trat Trunkenpolz mit sofortiger Wirkung zurück. Parallel dazu hatte die Schweizer Investmentgesellschaft Circular Economy AG mit Art of Mobility einen eigenen Kaufvertrag über MV Agusta geschlossen, den die Muttergesellschaft später einseitig kündigte. Die Schweizer gehen juristisch dagegen vor und sollen in einem ersten Verfahren Recht bekommen haben. Die Führung von MV Agusta widerspricht dieser Darstellung und betont, es sei kein Urteil in der Sache ergangen und kein endgültiger Eigentumsübergang angeordnet worden.
Indirekt räumt die Mitteilung immerhin einen Punkt ab: Wenn Art of Mobility weiterhin 100 Prozent der Anteile hält, kann von einem bereits vollzogenen Verkauf einer Mehrheit keine Rede sein. Deutlich wird das Unternehmen an anderer Stelle. Es hält fest, dass ein Teil der Gerüchte offenbar von Personen stamme, die in unterschiedlicher Rolle an den Gesprächen teilgenommen oder Interesse bekundet hätten. Solche Berichte, so MV Agusta, stellten die Lage nicht korrekt dar und schafften Verwirrung in einer Phase, in der Verantwortung, Vertraulichkeit und Sorgfalt nötig seien. Über Veränderungen werde man erst informieren, wenn „konkrete und endgültige Bedingungen“ vorliegen.
Vom KTM-Ausstieg zur eigenen Sanierung
Der Ausgangspunkt der heutigen Lage liegt im Zusammenbruch von KTM. Timur Sardarov hatte die Mehrheit an MV Agusta 2019 von der Familie Castiglioni übernommen. Im November 2022 stieg KTM mit 25,1 Prozent ein und übernahm im Frühjahr 2024 mit 50,1 Prozent die Kontrolle. Als der österreichische Konzern Ende 2024 mit rund 1,2 Milliarden Euro (circa 1,39 Milliarden US-Dollar) Schulden ins Straucheln geriet, wurden die Karten neu gemischt.
Ende Januar 2025 kündigte MV Agusta an, dass die Holding Art of Mobility die volle Kontrolle zurückerhält. Abgeschlossen wurde der Schritt im Juli 2025, Luca Martin wurde zum Vorstandsvorsitzenden ernannt. Timur Sardarov sagte damals, MV Agusta brauche nicht den Plan eines anderen, und Martin kündigte an, Händlernetz und Modellpalette auszubauen.
Genau diese Trennung benennt MV Agusta heute als Ursache der schwierigen Phase. Die Verflechtung mit KTM reichte tief in Vertrieb, Einkauf, Logistik, Fertigungsprozesse und Organisation hinein. Der Weg zurück in die Eigenständigkeit bedeutete, zentrale Funktionen neu aufzubauen, mit entsprechenden Folgen für Kosten und Betriebskapital. Zugleich gehört KTM nach Darstellung der Fiom Cgil heute zu den größten Gläubigern von MV Agusta, gemeinsam mit den Lieferanten.

Preissenkung und Brutale 950: die Ausrichtung vor der Krise
Parallel zur finanziellen Neuaufstellung hat MV Agusta die Preispolitik verändert. Rund um die EICMA 2025 rückte die Marke von ihrer Positionierung als Luxusanbieter ab und senkte die Preise mehrerer Modelle spürbar. Luca Martin begründete den Schritt damit, dass sich MV Agusta gegenüber Wettbewerbern wie Ducati, KTM und Triumph aufstellen wolle statt als exklusive Nischenmarke.
Von derselben Messe stammt auch das bislang letzte neue Modell. Die Brutale 950 Serie Oro hat einen neu entwickelten Dreizylinder mit 148 PS (109 kW), ist auf 300 Exemplare limitiert und sollte ab dem zweiten Quartal 2026 ausgeliefert werden, also ab genau dem Zeitraum, in dem das Band stillstehen soll. Ob davon Exemplare gebaut wurden, ist offen.
Was bedeutet die Lage für Besitzer einer MV Agusta?
Vom Krisenverfahren in Varese merkt ein Fahrer im Alltag zunächst nichts, von fehlenden Ersatzteilen dagegen sofort. Genau das berichten mehrere Händler seit Wochen, und wie lange ein Motorrad dann in der Werkstatt steht, lässt sich derzeit nicht abschätzen.
Wie unterschiedlich die Lage im Handel ankommt, zeigen zwei Aussagen. Ein Händler, der die Marke bereits unter der Familie Castiglioni verkauft hat, gibt an, in diesem Jahr genau ein Motorrad erhalten zu haben. Ein größerer Händler aus Süddeutschland spricht dagegen von rund 150 Fahrzeugen im Jahr 2026 und erklärt die Lücke damit, dass die Modelle des Jahrgangs 2026 erst im Oktober anlaufen. Bestätigt hat MV Agusta den Produktionsstopp bis heute nicht.
Die zweite offene Frage betrifft die Garantie. Auf die Brutale 950 gewährt MV Agusta beispielsweise fünf Jahre, und eine Garantie ist immer nur so belastbar wie das Unternehmen, das dahintersteht. Was mit solchen Ansprüchen geschieht, falls das Verfahren scheitert, hat bisher niemand erklärt, weder das Werk noch die MV Agusta Operations GmbH in Köln, über die Verkauf und Service im deutschsprachigen Raum laufen.
Bleibt der Wiederverkaufswert. Was ein Motorrad wert ist, dessen Hersteller möglicherweise verschwindet, lässt sich seriös erst beantworten, wenn feststeht, wie es mit dem Werk weitergeht. Wer jetzt kauft, sollte sich diese Unsicherheit zumindest bewusst machen.

Was entscheidet das Gericht am 25. November?
Am 25. November verhandelt das Gericht in Varese über die Schutzmaßnahmen im laufenden Krisenverfahren. Es kann sie bestätigen, verändern oder aufheben.
Diese Maßnahmen halten Gläubiger davon ab, auf das Vermögen des Unternehmens zuzugreifen, solange verhandelt wird. Nach Darstellung der Fiom Cgil hat das Verfahren bereits im August begonnen, also rund einen Monat, bevor es öffentlich bestätigt wurde.
Fünf Wochen nach dem Gerichtstermin, am 31. Dezember, laufen die Solidaritätsverträge der Belegschaft aus. Die Gewerkschaften halten eine Insolvenz für ein reales Risiko, falls beim Termin etwas schieflaufen sollte und kein Käufer einsteigt. Eine offizielle Bestätigung für diese Einschätzung gibt es nicht. MV Agusta äußert sich dazu nicht und nennt als vorrangiges Ziel, die Fortführung des Unternehmens zu sichern, den Betrieb schrittweise zu festigen und die Bedingungen für eine solide Zukunft zu schaffen.

Häufige Fragen
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Ist MV Agusta insolvent?
Nein. MV Agusta hat den Eintritt in die Composizione Negoziata della Crisi bestätigt, ein italienisches Sanierungsverfahren, das ausdrücklich keine Insolvenz und keine Liquidation ist. Der Zugang setzt konkrete Sanierungsaussichten voraus, die Geschäftsführung bleibt im Amt.
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Gibt es noch Ersatzteile für MV Agusta?
Mehrere Händler berichten seit Wochen von Lieferproblemen bei Ersatzteilen, teilweise mit längeren Standzeiten in der Werkstatt. Das Unternehmen selbst hat sich dazu nicht geäußert, eine verlässliche Aussage zur Versorgungslage gibt es derzeit nicht.
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Was passiert mit der Garantie, wenn MV Agusta das Verfahren nicht übersteht?
Dazu liegt keine Auskunft vor. Weder das Werk in Varese noch die MV Agusta Operations GmbH in Köln, die den deutschsprachigen Raum betreut, haben erklärt, wie mit laufenden Garantieansprüchen verfahren würde.
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Wie viele Motorräder hat MV Agusta 2026 verkauft?
Im ersten Halbjahr 2026 wurden weltweit 2.166 Motorräder an Endkunden zugelassen, gegenüber 2.094 im Vorjahreszeitraum. Das entspricht einem Plus von 3,4 Prozent, wobei allein Italien 144 Einheiten zum Zuwachs beiträgt.
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Steht die Produktion in Varese still?
Nach Angaben der Gewerkschaften Uil und Fiom Cgil ruht die Fertigung im Werk Schiranna seit April 2026. MV Agusta selbst äußert sich in der offiziellen Mitteilung nicht zur Produktion, bestätigt aber operative und finanzielle Schwierigkeiten.












