- Verkehrspsychologe Patrick Grieser fordert, dass Raser-Videos nicht mehr in sozialen Medien hochgeladen werden dürfen.
- Auf der B500 starben 2026 bis Ende September vier Menschen, ein Maßnahmenpaket soll bis zur Saison 2027 greifen.
- Grieser hält einen dauerhaften Führerscheinentzug mit MPU für wirksamer als Bußgelder, Schilder oder Tempolimits.
Die Schwarzwaldhochstraße und die Strecken rund um Baden-Baden gehören zu den bekanntesten Motorradrevieren im Südwesten. 2026 haben sie vor allem durch schwere Unfälle Schlagzeilen gemacht. Behörden, Landkreise und Städte haben deshalb ein ganzes Bündel an Gegenmaßnahmen beschlossen. Ob diese Maßnahmen bei den Fahrern ankommen, um die es eigentlich geht, bezweifelt der Verkehrspsychologe Patrick Grieser. In einem Interview mit den Badischen Neuesten Nachrichten erklärt er, warum bauliche Änderungen und Strafen nur begrenzt wirken. Er sagt, welche Rolle Videos im Netz spielen und was aus seiner Sicht wirklich etwas verändert. Grieser arbeitet mit Menschen, bei denen die Führerscheinbehörde Zweifel hat, ob sie charakterlich zum Fahren geeignet sind.
Warum sollen Raser-Videos nicht mehr hochgeladen werden dürfen?
Grieser sieht in Raser-Videos eine Art Vorlage, die vor allem junge Fahrer ohne viel Erfahrung zum Nachmachen bringt. Den Einfluss sozialer Medien hält er für viel zu groß. Seiner Meinung nach sollte das Hochladen solcher Clips ganz verboten werden.
Er beschreibt einen Mechanismus, der aus zwei Teilen besteht. Wer einen schnellen Fahrer im Netz bewundert, übernimmt dessen Verhalten nach und nach. Gleichzeitig redet er sich das eigene Fahren klein, weil er ja langsamer unterwegs ist als das Vorbild. Grieser fasst diese Haltung im Interview so zusammen: „Naja, ich fahre ja nicht so schnell wie dieser YouTuber.“ Zusammen mit dem Gewöhnungseffekt, bei dem das eigene Tempo mit der Zeit normal wirkt, hält er das für sehr gefährlich.
Mit seiner Sorge ist er nicht allein. Auch Manfred Wirsch, Präsident des Deutschen Verkehrssicherheitsrats, warnte schon Anfang 2026, dass solche Clips Rasen harmlos oder sogar cool wirken lassen. Junge Menschen würden dadurch eher zu riskantem Fahren angeregt. Damals ging es allerdings um Autofahrer auf der Autobahn.
Wie viele Motorradfahrer sind 2026 im Nordschwarzwald tödlich verunglückt?
Allein auf der B500 sind 2026 bis Ende September vier Menschen ums Leben gekommen. Im gesamten Bereich des Polizeipräsidiums Offenburg starben bis Ende August 33 Menschen im Straßenverkehr, darunter 12 Motorradfahrer.
Damit lag die Zahl der Verkehrstoten schon nach acht Monaten über der des gesamten Vorjahres mit 28 Toten. Einer der schwersten Unfälle passierte am 30. August bei Bühl: Zwei Motorradfahrer stießen auf der Schwarzwaldhochstraße zusammen. Eine 18-jährige Motorradfahrerin und ein 41-jähriger Motorradfahrer kamen dabei ums Leben. Als häufigste Unfallursache auf der Strecke nennt die Polizei zu hohe Geschwindigkeit. Auch auf der L76b bei Gernsbach gab es zwei tödliche Unfälle. Dort will der Landkreis Rastatt zwischen Reichental und Kaltenbronn mit Tempolimits, neuen Markierungen und Leitplanken mit Unterfahrschutz reagieren.
Welche Maßnahmen sind für die B500 ab 2027 geplant?
Bei einem Runden Tisch am 22. September haben sich Behörden und Kommunen auf ein gemeinsames Paket geeinigt, das bis zum Start der Motorradsaison 2027 umgesetzt sein soll. Die B500 dient dabei als Pilotstrecke.
Am Tisch saßen die Regierungspräsidien Freiburg und Karlsruhe, der Ortenaukreis, der Landkreis Rastatt, die Städte Baden-Baden, Bühl, Achern und Gaggenau sowie die Polizei. Vereinbart wurden unter anderem:
- mehr Kontrollen mit zivilen Fahrzeugen und Drohnen
- härteres Vorgehen bei Verstößen, bis hin zur Beschlagnahme von Motorrädern
- eine Prüfung von Rüttelstreifen und speziellen Markierungen in Kurven
- eine Prüfung von Einbahnregelungen auf besonders unfallträchtigen Abschnitten
- Fahrtenbuchauflagen, wenn ein Fahrer nach einem Verstoß nicht ermittelt werden kann
- mehr Aufklärungsarbeit in der Öffentlichkeit
Was auf der B500 funktioniert, soll später auch auf andere Strecken übertragen werden. Beim nächsten Treffen am 17. November wollen die Beteiligten das weitere Vorgehen festlegen. Schon Anfang September hatte das Polizeipräsidium Offenburg angekündigt, an den Wochenenden deutlich mehr auf der B500 und anderen beliebten Motorradstrecken zu kontrollieren.
Halten Rüttelstreifen und Kontrollen risikofreudige Motorradfahrer auf?
Nur zum Teil, sagt Grieser. Sinnvolle bauliche Änderungen senken zwar zunächst die Unfallgefahr. Besonders risikobereite Fahrer erreicht man mit allgemeinen Warnhinweisen aber oft gar nicht.
Er warnt außerdem vor zu vielen Schildern. Dann tritt ein Gewöhnungseffekt ein, und die Wirkung kann sich sogar ins Gegenteil verkehren. Bei Kontrollen kommt es aus seiner Sicht darauf an, wie wahrscheinlich ein Fahrer es selbst findet, erwischt zu werden. Ist dieses Risiko nahezu null, schrecken sie nicht ab. Wer mit Kontrollen etwas erreichen will, muss sie konsequent und dicht gestaffelt durchführen, sodass Fahrer tatsächlich damit rechnen. Selbst dann ändern weder Kontrollen noch hohe Strafen das Verhalten allein. Am Ende ist es nach Griesers Worten eine Frage der Einstellung.
Was treibt Motorradfahrer zu riskantem Fahren?
Den Kern sieht Grieser in den starken Gefühlen, die beim Motorradfahren eine Rolle spielen. Freiheit, Fahrspaß und das Beherrschen der Maschine sind für ihn nichts Schlechtes. Gefährlich wird es, wenn die Freude am Fahren in eine Suche nach immer größeren Herausforderungen umschlägt.
Fachleute sprechen dabei von „Sensation Seeking“, also dem Drang, immer stärkere Reize zu erleben und das letzte Erlebnis noch zu übertreffen. Dazu kommt bei manchen Fahrern Selbstüberschätzung. Wer schon viele schwierige Situationen gemeistert hat, fühlt sich schnell sicherer, als er ist. Unfälle passieren in dieser Vorstellung immer nur anderen. Deshalb schrecken auch Berichte über tödliche Unfälle nach Griesers Erfahrung kaum ab.
Welche Rolle spielt die Gruppe an Bikertreffs?
Gruppen können Druck erzeugen, aber auch bremsen. Fahren alle anderen schnell, will niemand zurückfallen. Gilt hohes Tempo in der Gruppe als Zeichen von Können, entsteht eine echte Drucksituation. Grieser warnt aber davor, Gruppen pauschal zu verteufeln. Sind viele erfahrene und defensive Fahrer dabei, kann die Gruppe auch positiv wirken. Im Nordschwarzwald gibt es mehrere bekannte Treffpunkte der Szene.
Fahren ältere Motorradfahrer vorsichtiger?
Die Bereitschaft, Risiken einzugehen, nimmt mit dem Alter tatsächlich ab. Grieser führt das auf mehr Lebens- und Fahrerfahrung zurück, aber auch auf langsamere Reaktionen, auf die sich ältere Fahrer einstellen. In seiner Praxis erlebt er, dass frühere begeisterte Motorradfahrer irgendwann auf ein Trike umsteigen, weil sie darüber mehr Kontrolle haben.
Wann ändern Raser ihr Verhalten wirklich?
Meist erst, wenn der Führerschein ganz weg ist und eine MPU ansteht. Erst dieser Einschnitt bringt viele Betroffene nach Griesers Erfahrung dazu, ernsthaft über sich nachzudenken.
Ein vorübergehendes Fahrverbot nehmen viele dagegen kaum wahr. Grieser schildert, dass manche es einfach in den Sommerurlaub legen, wenn sie ohnehin nicht fahren. Bei Geldstrafen beobachtet er eine ähnliche Haltung: Wer zahlen muss, sieht sich eher als Pechvogel. Freiwillig kommt niemand als notorischer Raser in seine Praxis. Fällt die Fahrerlaubnis aber dauerhaft weg, verlieren die Betroffenen das Gefühl von Freiheit, Tempo und Mobilität. Dann müssen sie an sich arbeiten und neue Verhaltensweisen ausprobieren. Dabei geht es nach Griesers Ansatz zuerst darum, was jemanden antreibt: der Nervenkitzel, die Anerkennung in der Gruppe oder ein Gefühl von Kontrolle. Erst danach lässt sich daran arbeiten, die eigenen Denkmuster zu hinterfragen.
Die MPU, also die Medizinisch-Psychologische Untersuchung, hält Grieser für sehr wirksam. Nach seiner Darstellung liegt die Rückfallquote laut Studien bei fünf bis sieben Prozent. Das decke sich mit seiner Erfahrung in der Praxis, wo er nur wenige wiedersieht.
Forderung nach PS-Grenze und Eignungstest für junge Fahrer
Junge Menschen kommen nach Griesers Ansicht zu schnell an stark motorisierte Fahrzeuge. Wenig Erfahrung, viel Leistung, Selbstüberschätzung und soziale Medien hält er für eine gefährliche Mischung.
Er spricht sich deshalb für eine Leistungsbeschränkung während der Probezeit aus. Zusätzlich könnte er sich ein Gespräch beim Verkehrspsychologen vorstellen, bevor jemand ein stark motorisiertes Motorrad fahren darf. Dabei sollte geklärt werden, warum jemand dieses Fahrzeug haben will und ob er verantwortungsvoll damit umgeht. Grieser ist überzeugt, dass eine verpflichtende psychologische Eignungsprüfung die Zahl tödlicher Unfälle deutlich senken würde.
Gibt es in Europa schon Strafen für Raser-Videos?
Ein Verbot, wie Grieser es fordert, wurde in Belgien bereits vorgeschlagen. Der damalige Mobilitätsminister Georges Gilkinet kündigte im März 2023 einen Gesetzentwurf an, der das Verherrlichen von Raserei und gefährlichem Fahren in sozialen Medien bestrafen sollte.
Wer Bilder oder Videos verbreitet, auf denen er selbst oder andere mit stark überhöhtem Tempo fahren oder andere gefährden, sollte demnach eine Geldbuße von bis zu 1.000 Euro (circa 1.119 US-Dollar) und ein Fahrverbot von einem bis zwölf Monaten bekommen. Gemeint waren auch aggressives Fahren, das Missachten der Vorfahrt, ständige Spurwechsel oder Fahren unter Alkohol. Es sollte keine Rolle spielen, ob ein Video nur für einen kleinen Kreis gedacht war, weil sich solche Inhalte im Netz schnell verbreiten. Eine feste Geschwindigkeitsgrenze war nicht vorgesehen, da sich das Tempo aus Bildern kaum genau bestimmen lässt. Ob der Vorschlag inzwischen Gesetz geworden ist, ist nicht belegt.
Häufige Fragen
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Warum fordert ein Verkehrspsychologe ein Verbot von Raser-Videos?
Patrick Grieser sieht in Raser-Videos ein Vorbild, das vor allem junge und unerfahrene Fahrer zum Nachahmen bringt. Wer solche Clips bewundert, übernimmt das Verhalten und spielt das eigene Risiko herunter. Deshalb sollten solche Videos aus seiner Sicht gar nicht mehr hochgeladen werden dürfen.
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Wie viele Menschen sind 2026 auf der B500 gestorben?
Bis Ende September 2026 kamen auf der B500 vier Menschen ums Leben. Am 30. August starben bei einem Zusammenstoß bei Bühl eine 18-jährige Motorradfahrerin und ein 41-jähriger Motorradfahrer.
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Welche Maßnahmen kommen 2027 auf die B500?
Geplant sind mehr Kontrollen mit Zivilfahrzeugen und Drohnen, härteres Vorgehen bis zur Beschlagnahme von Motorrädern und Fahrtenbuchauflagen. Außerdem werden Rüttelstreifen, Kurvenmarkierungen und Einbahnregelungen geprüft. Das Paket soll bis zum Saisonstart 2027 umgesetzt sein.
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Wie wirksam ist die MPU bei Rasern?
Verkehrspsychologe Patrick Grieser hält die MPU für sehr wirksam. Nach seiner Darstellung liegt die Rückfallquote laut Studien bei fünf bis sieben Prozent. Ein vorübergehendes Fahrverbot oder Bußgelder wirken aus seiner Sicht dagegen kaum.












