- Erde, Stroh und kleine Steine sammeln sich vor allem im Bereich von Feldzufahrten
- Bei Kollisionen mit Erntefahrzeugen drohen laut DEKRA schon ab 60 bis 70 km/h schwerste Verletzungen
- Wer die Fahrbahn verschmutzt, muss sie nach Paragraf 32 StVO umgehend wieder säubern
Weizen und Roggen werden derzeit vielerorts eingefahren. Damit steigt auf Landstraßen der Anteil langsamer, schwerer und oft überbreiter Fahrzeuge. Das Institut für Zweiradsicherheit (ifz) weist darauf hin, dass für Motorradfahrer nicht nur die Fahrzeuge selbst gefährlich sind, sondern vor allem deren Spuren. Damit reiht sich die Erntezeit in eine ganze Reihe saisonaler Risiken ein, die Motorradfahrer über das Jahr hinweg begleiten, vom Rollsplitt im Frühjahr bis zum feuchten Laub im Herbst.

Warum sind Feldzufahrten für Motorradfahrer eine Gefahrenstelle?
An Feldzufahrten queren landwirtschaftliche Fahrzeuge die Straße und tragen dabei Erde, Schmutz, Stroh oder kleine Steine auf den Asphalt. Das ifz rät deshalb, in diesen Bereichen gezielt mit verschmutzten Abschnitten zu rechnen.
Das Tückische daran ist die Verteilung. Der Dreck liegt selten gleichmäßig, sondern in Flecken und Streifen, oft genau dort, wo die Maschine von der Zufahrt auf die Fahrbahn eingelenkt hat. Also häufig im Kurvenbereich. Kommt Regen oder Tau dazu, entsteht aus Lehm und Erde ein Schmierfilm. Der TÜV Süd beschreibt, dass sich solche Stellen bei Nässe in Rutschbahnen verwandeln können.
Was ist ein Reibwertsprung und warum ist er gefährlich?
Ein Reibwertsprung ist ein plötzlicher Wechsel der Haftung zwischen Reifen und Fahrbahn. Wechselt der Belag von sauberem Asphalt auf eine verschmutzte Stelle und wieder zurück, verändert sich der verfügbare Grip schlagartig.
Für ein einspuriges Fahrzeug ist das deutlich kritischer als für ein Auto. Ein Motorrad braucht die Haftung des Reifens gleichzeitig zum Bremsen und zum Halten der Schräglage. Nach Einschätzung des ifz werden Reibwertsprünge deshalb besonders beim Bremsen oder in Schräglage zum Problem. Wer in der Kurve auf einen Streifen Erde gerät, verliert genau in dem Moment Seitenführung, in dem er sie am dringendsten braucht.
Hinzu kommt die schlechte Erkennbarkeit. Eine dünne Erdschicht auf grauem Asphalt fällt bei Gegenlicht, in schattigen Waldstücken oder bei Nässe kaum auf. In einem Fall, den das Landgericht Flensburg zu entscheiden hatte, war die Verschmutzung so schwer zu sehen, dass selbst der Fahrer eines 26 Tonnen schweren Lastwagens sie erst bemerkte, als sein Fahrzeug bereits ins Schwimmen kam.
Wie hilft ABS bei wechselndem Untergrund?
ABS verhindert, dass die Räder beim Bremsen blockieren, und regelt den Bremsdruck auch dann, wenn sich die Haftung abrupt ändert. Genau bei wechselnden Fahrbahnoberflächen spielt das System nach Angaben des ifz seine Stärken aus.
Wie groß der Nutzen ist, zeigt eine Auswertung der AXA Schweiz gemeinsam mit der Bosch Unfallforschung. Auf Basis von mehr als 17.000 Schadenmeldungen aus fünf Jahren kam die Untersuchung zu dem Ergebnis, dass Motorräder mit ABS bis zu ein Fünftel weniger Schadenfälle verursachen. Michael Pfäffli, Leiter Unfallforschung und Prävention bei der AXA Schweiz, ordnet den Nutzen so ein: „Ein Motorrad sollte zwingend mit ABS ausgerüstet sein, weil es den Bremsweg verkürzt, die Bremsmanöver sicherer macht und so die Sturzgefahr verringert.“
Ein Freibrief ist das nicht. Das ifz betont, dass vorausschauendes Fahren und eine angepasste Geschwindigkeit weiterhin der beste Schutz bleiben. ABS kann eine Blockade verhindern, es kann aber keine Haftung erzeugen, die auf der Fahrbahn nicht vorhanden ist.
Wo die Erntefahrzeuge selbst zum Risiko werden
Neben den Spuren bleibt die Begegnung mit der Maschine selbst ein Thema. Andreas Schäuble, Unfallforscher bei DEKRA, beschreibt die Lage so: „In diesen Wochen ist auf Landstraßen mit vielen schweren, langsamen und teils überbreiten Erntefahrzeugen zu rechnen. Wenn diese auf den schnelleren Pkw-, Lkw oder Motoradverkehr treffen, kann dies zu einer höchst brisanten Mischung führen.“ Bei einer Kollision mit Mähdrescher oder Traktor drohen demnach bereits bei Tempo 60 bis 70 schwerste oder tödliche Verletzungen.
Kritisch sind vor allem Kuppen, Kurven und Einmündungen, weil dort kaum Zeit zum Reagieren bleibt. Der TÜV Süd verweist zudem auf den vergrößerten Kurvenradius: Traktorgespanne von bis zu 18 Metern Länge holen beim Rechtsabbiegen oft weit über die Straßenmitte nach links aus. Mähdrescher und Häcksler werden über die Hinterachse gelenkt, ihr Heck schert entsprechend stark aus.
Zwei weitere Punkte betreffen Motorradfahrer direkt. Blinker, Brems- und Schlusslichter der Erntefahrzeuge können durch die Feldarbeit so verschmutzt sein, dass die Signale kaum noch erkennbar sind. Und schlecht gesicherte Ladung wie Heuballen kann ganz oder teilweise herunterfallen. DEKRA rät, ein größeres Sicherheitspolster einzuplanen und bremsbereit zu bleiben. Beim Überholen gilt bei unklarer Verkehrslage oder auf engen Straßen der Verzicht als die sicherere Wahl.
Wer haftet, wenn Schmutz auf der Straße zum Sturz führt?
Grundsätzlich haftet der Verursacher der Verschmutzung. Paragraf 32 der Straßenverkehrsordnung verbietet es, die Straße so zu beschmutzen, dass der Verkehr gefährdet oder erschwert wird, und verpflichtet den Verantwortlichen zur unverzüglichen Beseitigung.
Wie das in der Praxis aussieht, zeigt ein Urteil des Landgerichts Flensburg vom 10. Mai 2024 (Aktenzeichen 12 O 71/23). Ein Maishäcksler hatte bei Erntearbeiten eine Straße verschmutzt. Drei Tage später hatte sich daraus nach Regen eine mehrere Zentimeter dicke Matschschicht gebildet. Ein Müllfahrzeug rutschte darauf in den Straßengraben, der Schaden lag bei über 26.000 Euro (circa 30.100 US-Dollar). Das Gericht sah einen Verstoß gegen Paragraf 32 StVO und verurteilte die Haftpflichtversicherung des Maishäckslers zur Zahlung von 75 Prozent des Schadens.
Die restlichen 25 Prozent trug die Seite des Geschädigten. Das Gericht rechnete dem Fahrer ein geringes Mitverschulden an, weil er seine Geschwindigkeit trotz erkennbarer erster Verschmutzungen nicht reduziert hatte. Für Motorradfahrer bedeutet das zweierlei: Ansprüche gegen den Verursacher bestehen, eine Mithaftung ist aber realistisch, wenn die Fahrweise nicht zu den Verhältnissen passte.
Wo Bremsen im Grenzbereich geübt werden kann
Das ifz weist darauf hin, dass sich gerade das Bremsen im Grenzbereich in einem Motorradtraining unter fachkundiger Anleitung üben lässt. Viele Angebote laufen bis in den Spätsommer und Herbst hinein. Über das gemeinsame Trainingsportal von ADAC, DVR und ifz lassen sich passende Termine finden.
Auch die AXA-Unfallforscher empfehlen Fahrtrainings ausdrücklich, weil viele Fahrer ohne regelmäßige Übung ihre Fähigkeiten falsch einschätzen. Ergänzend nennen sie ausreichenden Abstand, gut sichtbare Kleidung und ein technisch einwandfreies Motorrad mit guter Bereifung.
Häufige Fragen
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Warum ist die Erntezeit für Motorradfahrer besonders gefährlich?
In der Erntezeit gelangen Erde, Stroh und Steine auf die Fahrbahn, vor allem im Bereich von Feldzufahrten. Diese Verschmutzungen verändern den Grip abrupt und verlängern den Bremsweg. Dazu kommen mehr langsame und überbreite Fahrzeuge auf Landstraßen.
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Was hilft ABS bei Schmutz auf der Fahrbahn?
ABS verhindert das Blockieren der Räder und regelt den Bremsdruck bei abrupt wechselnden Haftungsverhältnissen. Eine Auswertung von AXA und Bosch Unfallforschung auf Basis von über 17.000 Schadenmeldungen ergab bis zu ein Fünftel weniger Schadenfälle bei Motorrädern mit ABS. Ersetzen kann das System eine angepasste Geschwindigkeit aber nicht.
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Wer haftet, wenn ein Motorrad auf verschmutzter Fahrbahn stürzt?
Nach Paragraf 32 StVO ist der Verursacher der Verschmutzung zur unverzüglichen Beseitigung verpflichtet und haftet für daraus entstehende Schäden. Das Landgericht Flensburg sprach in einem vergleichbaren Fall 75 Prozent des Schadens zu. Wer trotz erkennbarer Verschmutzung nicht langsamer fährt, muss mit einer Mithaftung von rund 25 Prozent rechnen.
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Ab welchem Tempo wird eine Kollision mit einem Erntefahrzeug kritisch?
Nach Angaben von DEKRA drohen bei Zusammenstößen mit Mähdreschern, Traktoren oder anderen Arbeitsmaschinen bereits bei 60 bis 70 km/h schwerste bis tödliche Verletzungen. Grund sind die Masse und die massive Bauweise der Maschinen. Ein Unterfahrschutz lässt sich an Erntemaschinen praktisch nicht anbringen.












