- Nach Pavesios Rechnung tragen die fünf MotoGP-Hersteller 70 Prozent aller Investitionen in der Meisterschaft.
- Die neuen 850er ab 2027 hält er für richtig: weiterhin extrem, aber etwas menschlicher.
- Neue Rennen sollen dort stattfinden, wo es eine Motorradkultur gibt, etwa in Goiânia und nicht am Balaton.
Paolo Pavesio ist Managing Director von Yamaha Motor Racing und damit der Mann, der bei den Japanern den MotoGP-Einsatz verantwortet. Er arbeitete 24 Jahre bei Yamaha, bevor er die Nachfolge von Lin Jarvis antrat, und kommt ursprünglich aus dem Marketing. Gerade diese Mischung macht seinen Blick auf die neue MotoGP interessant. Seit der Übernahme durch Liberty Media im vergangenen Jahr will der Formel-1-Eigner das Auftreten und die Anziehungskraft der Motorrad-WM verändern. Mehr Rennen in der Nähe großer Städte, das Aus für Wildcard-Fahrer ab 2027 und eine eigene Startaufstellung für den Sprint gehören zu den Schritten, die bereits beschlossen oder in Arbeit sind. Pavesio sagt, er sei für Fortschritt und Veränderung. Diese müsse aber durchdacht sein und Teil eines klaren Plans, der auch die langjährigen Fans mitnimmt.

Was hat sich bei der MotoGP unter Liberty Media verändert?
Auf dem Papier vor allem die Struktur, im Alltag bisher weniger, als viele erwartet hatten. Pavesio beschreibt es so: Liberty Media hat die Mehrheit an Dorna übernommen, daraus ist die MotoGP Sports Entertainment Group entstanden. Die bisherigen Dorna-Verantwortlichen um Carmelo und Carlos Ezpeleta gehören weiterhin dazu, ergänzt um mehrere neue Mitglieder im Vorstand. Darüber steht Derek Chang als Präsident der Holding, die sowohl die Formel 1 als auch die MotoGP kontrolliert.
Für Pavesio ist das keine neue Firma, die plötzlich das Sagen hat, sondern eine neue Struktur mit viel Kontinuität. In manchen Bereichen gebe es Veränderungen. Wer aber erwartet habe, dass jemand eine Zauberflasche öffnet und über Nacht alles auf den Kopf stellt, sei unrealistisch gewesen. Vielleicht, so Pavesio, sei das auch gar nicht nötig.
Die Hersteller haben sich trotzdem langfristig festgelegt. Mitte Juni unterschrieben Aprilia, Ducati, Honda, KTM und Yamaha einen neuen Vertrag, der bis Ende 2031 läuft. Damit bleiben alle fünf Werke mindestens fünf weitere Jahre in der MotoGP. Pavesio erzählt, beide Seiten hätten zunächst Monate gebraucht, um sich gegenseitig einzuschätzen. Jetzt gehe es darum, mit Liberty und Dorna gemeinsam etwas aufzubauen, das mehr Wert hat. Dazu gehört für ihn, die richtigen Länder auszuwählen und dafür zu sorgen, dass jedes Rennwochenende ein Erlebnis wird, für das sich der Besuch lohnt.
Warum ist die MotoGP für Pavesio keine zweite Formel 1?
Der wichtigste Unterschied liegt beim Geld: In der MotoGP kommen die größten Investitionen von den Motorradherstellern selbst. Pavesio rechnet vor, dass die fünf Werke 70 Prozent der gesamten Ausgaben in der Meisterschaft tragen. Der Zweck dahinter ist für ihn eindeutig.
„E perché lo facciamo? Per vendere le moto. Quindi, noi dobbiamo stare attenti.“
Übersetzt: „Und warum machen wir das? Um Motorräder zu verkaufen. Deshalb müssen wir aufpassen.“
Natürlich wäre Yamaha froh, wenn es etwas weniger kosten würde, räumt Pavesio ein. Er sieht die Ausgaben aber als Investition, und entscheidend sei, dass der Sport insgesamt wächst. Genau hier sieht er einen Vorteil gegenüber der Formel 1. Neue Zuschauer in der Formel 1 kaufen deshalb keinen Ferrari, keinen McLaren und keinen Alpine mehr. In der MotoGP dagegen können neue Fans tatsächlich zu Kunden werden. Yamaha baue schließlich auch Roller, die Menschen im Alltag zur Fortbewegung nutzen. Wenn neue Leute dazukommen, könnten sie das Publikum verjüngen und gleichzeitig das Geschäft der Hersteller voranbringen.

Was kann die MotoGP von der Formel 1 lernen?
Pavesio sieht die Formel 1 unter Liberty Media als wirtschaftliches Vorbild, aber nicht als Blaupause für den Charakter der MotoGP. Einen Eindruck davon bekam er beim Großen Preis von Italien in Monza, den er dank Liberty Media besuchte. Dort sprach er unter anderem mit zwei Teamchefs aus der Formel 1, beide Ingenieure. Ihm fiel auf, dass Gesprächspartner in der MotoGP über Motorsport reden. In der Formel 1 dagegen sprechen sie über ein Geschäft, das über den Motorsport läuft. Das sei kein kleiner Unterschied.
Gleichzeitig erkennt er an, was die Formel 1 erreicht hat. Die Serie trage sich inzwischen fast selbst, mehrere große Teams machen jedes Jahr Gewinn, und ihr Wert habe sich vervielfacht. Als Gründe nennt er die Budgetobergrenze, die bessere Vermarktung der Meisterschaft und ein Geschäft rund um die Serie, das mit dem vor zehn Jahren nicht vergleichbar sei. Hätte die heutige Krise in der Autoindustrie die Formel 1 von damals getroffen, hätte sie nach seiner Einschätzung wohl die Hälfte der Teams zur Aufgabe gezwungen.
Optimistisch macht ihn vor allem, wie Liberty Media an die Sache herangeht. Anders als reine Finanzinvestoren, die kaufen, aufräumen und wieder verkaufen, habe Liberty Erfahrung mit Sportunterhaltung. Das Unternehmen kaufe, um ein Produkt aufzubauen, mit dem sich Geld verdienen lässt. Die MotoGP müsse dafür aber nicht unbedingt zur Modeerscheinung werden. Pavesio beschreibt sie als einen anderen Sport als die Formel 1, in dem der Fahrer mehr im Mittelpunkt steht, weil er gefährlichere und extremere Dinge tut. Erst wenn das Publikum gesund wächst und die Rechnung für die Hersteller aufgeht, sollen Erfahrungen aus der Formel 1 stärker zum Tragen kommen. Gelinge es dann auch noch, die Teams wie in der Formel 1 zu einem Wert zu machen, der Umsatz und Gewinn bringt, umso besser.
Warum warnt Yamaha davor, die bisherigen Fans zu verlieren?
Weil die MotoGP vor allem von Motorradfans lebt, und genau die sind für Pavesio der Kern des Ganzen. Seine zentrale Warnung formuliert er so:
„Dobbiamo stare attenti a non evolvere questo sport a un punto tale per cui i nostri appassionati non ci si riconoscano più e si perdano.“
Übersetzt: „Wir müssen aufpassen, diesen Sport nicht so weit zu verändern, dass sich unsere Fans darin nicht mehr wiedererkennen und verloren gehen.“
Bevor über Änderungen gesprochen wird, müsse klar sein, wozu sie dienen und was geschützt werden soll. Die Hersteller fahren Rennen, um mit ihren Fans in Kontakt zu kommen und am Ende Motorräder zu verkaufen. Die alte Formel, sonntags gewinnen und montags verkaufen, gelte heute nicht mehr eins zu eins. Eine starke Marke verkaufe aber mehr oder besser. Ein japanischer Kollege sage ihm immer, der Markenaufbau sei das Ziel und der Rennsport das Mittel dazu. Dazu kommen für Pavesio weitere Vorteile: Rennsport hilft bei der Entwicklung neuer Technik, dient als Schule für die eigenen Techniker und lehrt viel über Organisation und den Umgang mit schwierigen Phasen.
Daraus folgt für ihn zweierlei. Die aktuelle Fangemeinde dürfe nicht vernachlässigt werden, gleichzeitig müsse man sich um neue Zuschauer bemühen. Heute schauen vor allem Motorradfans Motorradrennen. In manchen Regionen lasse die Begeisterung für das Motorrad nach. Neue Fans würden für mehr Zuschauer vor dem Fernseher und an der Strecke sorgen, und vielleicht denke der eine oder andere danach über ein eigenes Motorrad nach. Sich nur auf Unterhaltung zu konzentrieren, hält Pavesio dagegen für ein Risiko. So habe er seine Sicht als Hersteller auch den neuen Verantwortlichen der MotoGP erklärt.
Wie er selbst über Tradition denkt, zeigt ein Blick in sein Büro. Dort steht eine 500er aus dem Jahr 2002, zerlegt bis auf Rahmen, Motor, Räder und Auspuff. Er könne sie stundenlang anschauen, erzählt der 54-Jährige. Das sei aber die Vergangenheit, und sie gefalle ihm wohl gerade wegen seines Alters so gut. Ein Stockwerk tiefer steht das Motorrad von Giacomo Agostini mit Trommelbremsen, das seinem Großvater vermutlich noch mehr bedeutet hätte. Sein Schluss daraus:
„L’evoluzione delle cose non deve farci paura se la governiamo con un’idea e una strategia chiara e condivisa.“
Übersetzt: „Die Entwicklung der Dinge muss uns keine Angst machen, wenn wir sie mit einer klaren und gemeinsamen Idee und Strategie steuern.“

Welche Rennstrecken passen nach Pavesios Meinung in den MotoGP-Kalender?
Pavesio will vor allem dort fahren, wo es eine echte Motorradkultur gibt und die Branche wachsen kann. Rennen in Wachstumsmärkten wie Südostasien oder Südamerika ziehen viele Fans an und können dort mittelfristig den Motorradverkauf und das Ansehen des Sports stärken.
Als Gegenbeispiel nennt er den Balaton in Ungarn. Das Problem sei nicht, dass die Strecke nicht schön ist. Wäre der Andrang groß gewesen und gäbe es dort Leidenschaft für die MotoGP oder für Motorräder, könne man an anderer Stelle Kompromisse eingehen. Eine Motorradkultur fehle dort aber, deshalb könne die MotoGP an diesem Ort nicht wachsen.
Goiânia in Brasilien unterstützt Pavesio dagegen nach eigenen Worten zu 100 Prozent, trotz aller Probleme, die es dort gab. Die Begeisterung für die MotoGP sei spürbar, und die Motorradindustrie wachse. Die Zuschauer kamen nach seiner Beobachtung wegen der MotoGP und nicht nur wegen Diogo Moreira. Manche seien sogar mit dem eigenen Motorrad aus Argentinien angereist, weil es in ihrer Heimat kein Rennen mehr gibt.
Wie bewertet Pavesio die neue MotoGP mit 850 Kubikzentimetern ab 2027?
Er hält den technischen Schritt für richtig, weil die Motorräder extrem bleiben, aber etwas menschlicher werden. Ab der Saison 2027 sinkt der Hubraum von 1000 auf 850 Kubikzentimeter, außerdem wird Pirelli neuer Reifenlieferant. Diese Verkleinerung war allerdings schon geplant, bevor Liberty Media eingestiegen ist.
Pavesio erwartet, dass die Show davon profitiert und dass Motorradfans die neuen Maschinen trotzdem als extrem und unterhaltsam erleben. Über einzelne Systeme, ihre Einführung oder ihr Verbot könne man danach noch diskutieren. Grundsätzlich sieht er es positiv, wenn sich die Motorräder bauen lassen, ohne in ein technisches Wettrüsten mit unsinnigen Budgets zu geraten, das der Show nichts bringt.
Damit stellt sich der Yamaha-Rennchef auf den Neustart ein, der die gesamte MotoGP 2027 prägen wird: neue Motorräder, neue Reifen und eine eigene Startaufstellung für den Sprint. Für Yamaha kommt dazu eine eigene Aufgabe. Pavesio betont, dass bei aller Debatte über die Zukunft der Meisterschaft nicht vergessen werden dürfe, dass Yamaha selbst wieder weiter nach vorne kommen muss, in der Startaufstellung und am Ende der Rennen.

Häufige Fragen
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Was sagt Pavesio zu Liberty Media?
Paolo Pavesio sieht Liberty Media grundsätzlich positiv und traut dem Unternehmen zu, der MotoGP einen Mehrwert zu bringen. Er warnt aber davor, den Sport so stark zu verändern, dass sich die bisherigen Fans nicht mehr wiedererkennen. Veränderungen sollen nach seiner Ansicht klug gesteuert und mit einer gemeinsamen Strategie umgesetzt werden.
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Wie viel investieren die Hersteller in die MotoGP?
Nach Pavesios Rechnung tragen die fünf MotoGP-Hersteller 70 Prozent der gesamten Investitionen in der Meisterschaft. Ihr Ziel ist es, über den Rennsport Motorräder zu verkaufen. Genau darin sieht er den größten Unterschied zur Formel 1.
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Wer ist Paolo Pavesio?
Paolo Pavesio ist Managing Director von Yamaha Motor Racing und verantwortet damit den MotoGP-Einsatz von Yamaha. Er war 24 Jahre bei Yamaha, bevor er die Nachfolge von Lin Jarvis antrat. Beruflich kommt er aus dem Marketing.
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Was ändert sich in der MotoGP 2027?
Ab 2027 fahren die MotoGP-Motorräder mit 850 statt 1000 Kubikzentimetern Hubraum und auf Reifen von Pirelli. Außerdem fallen Wildcard-Einsätze weg, und der Sprint soll eine eigene Startaufstellung bekommen. Pavesio hält die technische Neuausrichtung für richtig, weil die Motorräder extrem bleiben, aber etwas menschlicher werden.











