- 35,1 Milliarden Euro BIP, 481.600 Jobs und 20,6 Milliarden Euro Steuereinnahmen im Jahr 2024
- Deutschland und Italien stehen für jeweils 23 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung
- Exporte 2025 um 22 Prozent gesunken, Handelsdefizit fast verdoppelt
Wie groß ist der Wirtschaftsfaktor Motorrad in Europa eigentlich? Diese Frage hat der europäische Herstellerverband ACEM vom Forschungsinstitut Oxford Economics neu untersuchen lassen. Die Ergebnisse wurden während der EICMA 2026 in Mailand erstmals vorgestellt, auf einer Konferenz mit dem Namen MOTONOMICS. Die Zahlen beziehen sich auf das Jahr 2024 und umfassen die 27 EU-Staaten sowie Großbritannien. Sie zeichnen das Bild einer Branche, die deutlich größer geworden ist, aber unter wachsendem Druck steht. Gerade die Handelsdaten für 2025, die der Verband zusätzlich ausgewertet hat, fallen ernüchternd aus.

Wie viel ist die Motorradbranche in Europa wert?
Die Motorradbranche hat 2024 in der EU und Großbritannien 35,1 Milliarden Euro (circa 39,4 Milliarden US-Dollar) zum Bruttoinlandsprodukt beigetragen. Dazu kommen 481.600 Arbeitsplätze und Steuereinnahmen von 20,6 Milliarden Euro (circa 23,1 Milliarden US-Dollar).
Um die Größenordnung greifbar zu machen, ziehen die Studienautoren zwei Vergleiche. Die Wirtschaftsleistung liegt über dem gesamten BIP Islands. Die Steuereinnahmen würden reichen, um die Jahresgehälter von etwa 460.000 Lehrern in Europa zu bezahlen.
Welche Bereiche zählen zur Motorradwirtschaft?
Den größten Teil liefert der Kern der Branche: Bau, Verkauf und Reparatur von Motorrädern und Teilen. Dieser Bereich steht für 26,7 Milliarden Euro (circa 30,0 Milliarden US-Dollar) und 356.700 Arbeitsplätze, also rund drei Viertel der gesamten Wirkung. Helme, Motorradbekleidung und Schutzausrüstung kommen auf 5,7 Milliarden Euro (circa 6,4 Milliarden US-Dollar) und fast 89.000 Jobs. Rennen, Messen und Veranstaltungen der Hersteller tragen weitere 2,7 Milliarden Euro (circa 3,0 Milliarden US-Dollar) und 36.000 Arbeitsplätze bei.
Wie viele Arbeitsplätze hängen direkt am Motorrad?
Direkt in der Branche, also vom Werk über den Händler bis zur Werkstatt, arbeiten 208.900 Menschen. Die übrigen Stellen entstehen indirekt, etwa bei Zulieferern oder weil Beschäftigte und Besucher von Veranstaltungen ihr Geld ausgeben. Die Branche selbst erwirtschaftet direkt 10,6 Milliarden Euro (circa 11,9 Milliarden US-Dollar). Das ist mehr als die europäische Herstellung von Kommunikationstechnik.
Fachleute sprechen hier vom Multiplikator. Er zeigt, wie viel zusätzliche Wirtschaftsleistung an jedem direkt erzeugten Euro hängt. Laut Studie stützt jeder Euro aus der Motorradbranche weitere 2,30 Euro in anderen Wirtschaftszweigen. Jeder direkte Arbeitsplatz sichert zusätzlich 1,3 Stellen außerhalb der Branche. Bei Herstellung, Verkauf und Reparatur entstehen 46 Prozent der Wertschöpfung bei Zulieferern.
Welche Rolle spielt Deutschland in der europäischen Motorradwirtschaft?
Deutschland gehört gemeinsam mit Italien zu den zwei wichtigsten Standorten. Beide Länder stehen für jeweils 23 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung der Branche in Europa.
Dahinter folgen Frankreich mit 13 Prozent, Großbritannien mit 9 Prozent, Spanien mit 7 Prozent und Österreich mit 5 Prozent. Diese sechs Länder bringen zusammen rund vier Fünftel der Wirkung. Bei den Arbeitsplätzen liegt Deutschland mit 20 Prozent knapp hinter Italien mit 22 Prozent, bei den Steuereinnahmen kommt Deutschland auf 21 Prozent. Schaut man nur auf die direkte Wirtschaftsleistung der Branche, liegt Deutschland mit 24 Prozent sogar vorn.
Auch bei Messen und Herstellerveranstaltungen spielt Deutschland eine große Rolle. Mit 626.000 Besuchern entfielen 25 Prozent aller Gäste solcher Veranstaltungen in Europa auf Deutschland. Die Intermot 2024 war mit 100.000 Besuchern die zweitgrößte Motorradmesse nach der EICMA.

Was hat sich seit der letzten Motorrad-Studie verändert?
Die Zahlen liegen deutlich über denen der Vorgängerstudie, die Oxford Economics 2021 mit Daten aus dem Jahr 2019 veröffentlicht hat. Damals kam die Branche auf rund 21,4 Milliarden Euro BIP, etwa 389.000 Arbeitsplätze und rund 16,6 Milliarden Euro Steuereinnahmen. Der Multiplikator lag bei 1,80 Euro je direkt erzeugtem Euro.
Ganz direkt vergleichen lassen sich beide Studien allerdings nicht. Die Autoren weisen darauf hin, dass sich die Datenlage und das Rechenmodell seit 2019 verbessert haben und die Branche nun vollständiger erfasst wird. Einen Teil des Wachstums erklären sie mit Veränderungen seit der Pandemie. Viele Menschen haben damals das Motorrad als Fortbewegungsmittel für sich entdeckt. Die Neuzulassungen in den größten Märkten lagen 2025 trotz des Rückgangs nach der Umstellung auf die Abgasnorm Euro 5+ noch 14,7 Prozent über dem Niveau von 2019.
Außerdem nennt die Studie die wachsende Zahl von Umweltzonen in europäischen Städten, die kleinen und sparsamen Fahrzeugen entgegenkommen. Steigende Preise für neue und gebrauchte Autos machen Motorräder und Roller zudem für Einsteiger attraktiver. Nach Pandemie und Ukraine-Krieg setzen viele Hersteller außerdem stärker auf Zulieferer aus Europa, wodurch mehr Wertschöpfung in der Region bleibt.
Warum sinken die Exporte der europäischen Motorradhersteller?
Die Exporte aus der EU sind 2025 um 22 Prozent auf 2,0 Milliarden Euro (circa 2,2 Milliarden US-Dollar) gefallen. Hauptgründe sind ein monatelanger Produktionsstopp beim größten Hersteller Österreichs und mehrere Zollerhöhungen der USA.
Dabei war die Branche zuvor immer stärker auf das Ausland ausgerichtet. 2024 ging etwa die Hälfte der in der EU gebauten Motorräder und Teile in den Export, 2019 waren es bei Fahrzeugen noch 43 Prozent. Den Exporten von 2,5 Milliarden Euro (circa 2,8 Milliarden US-Dollar) standen 2024 Importe von 3,5 Milliarden Euro (circa 3,9 Milliarden US-Dollar) gegenüber. Wichtigster Abnehmer waren die USA mit 761 Millionen Euro (circa 854 Millionen US-Dollar).
Weil sich die Handelsbedingungen nach 2024 stark verändert haben, hat ACEM die Zahlen für 2025 nachgereicht. Während die Exporte sanken, stiegen die Importe um 12 Prozent auf 3,9 Milliarden Euro (circa 4,4 Milliarden US-Dollar). Das Handelsdefizit wuchs damit von rund 1,0 auf 1,9 Milliarden Euro (circa 2,1 Milliarden US-Dollar).
Rund drei Viertel des Exportrückgangs gehen auf Österreich zurück, wo der wichtigste Motorradhersteller seine Produktion zwischen Mitte Dezember 2024 und Ende Juli 2025 größtenteils unterbrochen hatte. Die Ausfuhren in die USA brachen um 40,3 Prozent auf 455 Millionen Euro (circa 511 Millionen US-Dollar) ein. Auch ohne Österreich sanken sie um 21,7 Prozent, aus Deutschland um 18,9 Prozent und aus Italien um 24,8 Prozent. Besonders betroffen waren Motorräder über 800 Kubikzentimeter, eigentlich eine Stärke der europäischen Hersteller. Hier wurde aus einem Überschuss von 290 Millionen Euro im Jahr 2024 ein kleines Defizit.
Wie stark wächst die Konkurrenz aus China?
Die Importe aus China sind 2025 um 32,1 Prozent auf 1,05 Milliarden Euro (circa 1,18 Milliarden US-Dollar) gestiegen. Besonders schnell wächst der Anteil bei größeren Motorrädern über 250 Kubikzentimeter, also genau in den Klassen, in denen europäische Hersteller ihre Stärken haben.
2019 kamen Motorräder dieser Größe aus China noch auf einen Importwert von 93 Millionen Euro. 2025 waren es 610 Millionen Euro (circa 685 Millionen US-Dollar). Die Stückzahl stieg allein 2025 von etwa 111.000 auf 190.000. Damit stammen inzwischen 32 Prozent aller importierten Motorräder über 250 Kubikzentimeter aus China, fast so viele wie aus Japan mit 33 Prozent. Die chinesischen Motorräder werden dabei deutlich günstiger eingeführt. Über 800 Kubikzentimeter lag der durchschnittliche Wert bei 4.776 Euro, bei japanischen Modellen bei 7.906 Euro.
Was bringen Motorräder im Stadtverkehr?
Auf Europas Straßen sind 42 Millionen Motorräder unterwegs, das sind 11 Prozent aller motorisierten Fahrzeuge. Jeden Tag fahren 6,4 Millionen Menschen mit dem Motorrad zur Arbeit.
Ihre Fahrtzeit ist laut Studie um ein Drittel kürzer als mit dem Auto. Jeder Motorradpendler spart so rund 580 Euro (circa 651 US-Dollar) im Jahr. Ein Motorrad braucht 2,9 Quadratmeter zum Parken, ein Auto 11,5 Quadratmeter. Auf einen Autoparkplatz passen also vier Motorräder. Schon heute vermeiden Motorradpendler im Vergleich zum Auto rund 2,4 Millionen Tonnen CO₂ pro Jahr.
Die Studie rechnet außerdem durch, was passieren würde, wenn 5 Prozent der Autopendler auf das Motorrad umsteigen. Sie würden zusammen 28 Millionen Tage Fahrtzeit im Jahr sparen, was einem Wert von 8,6 Milliarden Euro (circa 9,7 Milliarden US-Dollar) entspricht, und dazu 3,9 Milliarden Euro (circa 4,4 Milliarden US-Dollar) an Betriebskosten. Europa würde 2,6 Millionen Tonnen CO₂ einsparen, die Städte hätten 124 Quadratkilometer Parkfläche frei. Das entspricht mehr als 17.000 Fußballfeldern. Erfahrungen von einer überlasteten Autobahn in Belgien deuten darauf hin, dass ein Umstieg von 10 Prozent die Staus um bis zu 40 Prozent verkürzen könnte.
Wie wichtig sind Rennsport, Messen und Motorradtourismus?
Mehr als 5 Millionen Zuschauer besuchten 2024 große Motorradsportveranstaltungen in Europa. Rennen, Messen und Herstellerevents sicherten zusammen 2,7 Milliarden Euro Wirtschaftsleistung und 36.000 Arbeitsplätze.
Die größte Einzelveranstaltung war die EICMA in Mailand mit 700.000 Besuchern. Von Rennen und Messen profitieren auch Hotels, Gaststätten und Orte rund um die Strecken, weil Besucher dort Geld ausgeben.
Einige Bereiche konnte die Studie gar nicht in Zahlen fassen. Dazu gehören der Motorradtourismus, der vor allem ländlichen Regionen Einnahmen bringt, sowie Fahrausbildung, Versicherungen und Lieferdienste. Die Autoren bezeichnen ihre Ergebnisse deshalb als vorsichtig gerechnet. Der tatsächliche Beitrag dürfte also noch höher liegen.

Was fordert die Motorradindustrie von der Politik?
Die Hersteller fordern fairen und gegenseitigen Zugang zu den Weltmärkten, eine feste Rolle für Motorräder in der städtischen Verkehrsplanung und Bedingungen, die weitere Investitionen in Europa ermöglichen. Vorgestellt wurden diese Forderungen auf der Konferenz MOTONOMICS, die ACEM und der italienische Branchenverband Confindustria ANCMA während der EICMA 2026 gemeinsam ausgerichtet haben.
ACEM-Generalsekretär Antonio Perlot, der die Studie präsentierte, machte deutlich, dass die guten Zahlen nicht selbstverständlich sind. Mariano Roman, Präsident von Confindustria ANCMA, sprach darüber, dass mehr Neuzulassungen nicht automatisch zu mehr Produktion und höheren Gewinnen führen. Er verlangte klare und angemessene Regeln, Gegenseitigkeit im Handel und eine volle Anerkennung von Zweirädern in der Verkehrspolitik.
ACEM-Präsident Markus Flasch, Chef von BMW Motorrad, gab zudem einen ersten Ausblick auf die neue Vision 2035+ des Verbands. Im Mittelpunkt steht die Wettbewerbsfähigkeit der Branche, vorgestellt werden soll das Programm Anfang 2027. Der Europaabgeordnete Pierfrancesco Maran, Vorsitzender des Umweltausschusses im Europäischen Parlament, betonte den Nutzen von Motorrädern und Rollern für die Städte und forderte eine Industriepolitik, die Produktion in Europa wettbewerbsfähig hält.
In der abschließenden Diskussionsrunde saßen neben Flasch und Perlot auch Ducati-Chef Claudio Domenicali, Mariano Roman und Antonio Erario vom italienischen Verkehrsministerium. Im Mittelpunkt standen die Wettbewerbsfähigkeit Europas, vor allem die wachsende Konkurrenz aus China, sowie künftige Vorschriften für die Branche.
Häufige Fragen
-
Wie groß ist der Wirtschaftsfaktor Motorrad in Europa?
Die Motorradbranche hat 2024 in der EU und Großbritannien 35,1 Milliarden Euro zum Bruttoinlandsprodukt beigetragen. Sie sicherte 481.600 Arbeitsplätze und brachte 20,6 Milliarden Euro Steuereinnahmen. Die Zahlen stammen aus einer Studie von Oxford Economics im Auftrag des Herstellerverbands ACEM.
-
Wie viele Menschen arbeiten in Europa in der Motorradbranche?
Direkt in der Branche arbeiten 208.900 Menschen, vom Werk bis zur Werkstatt. Zusammen mit Zulieferern und weiteren Effekten hängen 481.600 Arbeitsplätze am Motorrad.
-
Wie hoch ist der Anteil Deutschlands an der Motorradwirtschaft?
Deutschland steht für 23 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung der Branche in Europa, genauso viel wie Italien. Bei den Arbeitsplätzen liegt der deutsche Anteil bei 20 Prozent, bei den Steuereinnahmen bei 21 Prozent.
-
Warum sind die Motorradexporte aus der EU gesunken?
Die Exporte fielen 2025 um 22 Prozent auf 2,0 Milliarden Euro. Rund drei Viertel des Rückgangs gehen auf einen Produktionsstopp beim größten österreichischen Hersteller zurück, dazu kamen höhere Zölle in den USA. Die Ausfuhren in die USA sanken um 40,3 Prozent.












