- Laut Beirer gingen insgesamt sieben Motoren kaputt, bei Pedro Acosta nur einer
- Ursache war ein Zulieferteil, das schon nach 50 bis 100 Kilometern versagte
- Der Unfall in Barcelona ging auf einen Ausfall des Steuergeräts zurück, nicht auf den Motordefekt
Eigentlich sollte 2026 für KTM das Jahr werden, in dem wieder Normalität einkehrt. Das Insolvenzverfahren war abgeschlossen, das Rennprogramm gesichert, und unter dem neuen Mehrheitseigentümer Bajaj arbeitete der österreichische Hersteller an einem Neustart. Die Zeit davor beschreibt Pit Beirer als reinen Überlebenskampf. Es ging darum, das Unternehmen am Leben zu halten, im Rennsport zu bleiben und zu Hause wieder aufzubauen. Dann kam die nächste Krise, diesmal direkt aus dem Motorrad. „This year, I thought we go back to a normality, then this engine issue almost killed us“, sagt Beirer. Auf Deutsch: „Dieses Jahr dachte ich, wir kehren zu einer Normalität zurück, dann hat uns dieses Motorenproblem fast umgebracht.“

Hat der Motorschaden den Unfall in Barcelona verursacht?
Nein. Laut Beirer ging der Zwischenfall beim Katalonien-GP auf einen Ausfall des Steuergeräts zurück und nicht auf den Motordefekt, der später gefunden wurde.
Dieser Unfall war der auffälligste Vorfall der Saison. Acosta lag in Führung, als seine RC16 plötzlich keine Leistung mehr hatte. Alex Marquez fuhr von hinten auf, es kam zu einem schweren Unfall und das Rennen wurde unterbrochen. Nach Beirers Darstellung schaltete sich in diesem Moment das Steuergerät ab, also die ECU, die als elektronisches Gehirn den Motor regelt. Für einen kurzen Moment gab es kein Signal. Zurück in der Box lief das Motorrad danach wieder ganz normal. Beirer spricht von einem Problem, das so im gesamten Fahrerlager noch niemand gesehen habe. Bei der Suche nach der Ursache half der Elektronikspezialist Magneti Marelli.
Das Timing machte die Sache noch schwieriger. Der ECU-Ausfall passierte genau in der Phase, in der KTM bereits mit den Motoren kämpfte. Dazu kamen weitere Probleme mit Elektronik und Sensoren. Beirer stellt damit klar, dass sich die Schwierigkeiten des Jahres 2026 nicht allein mit dem Fertigungsfehler erklären lassen.
Wann bemerkte KTM das Motorproblem?
Das volle Ausmaß zeigte sich beim Großen Preis von Italien in Mugello. Dort gingen an einem einzigen Tag drei Motoren kaputt.
Beirer erinnert sich genau an den Ablauf. Am Morgen fiel der erste Motor aus. Bei einem hochdrehenden MotoGP-Motor ist das für sich noch kein Grund zur Panik, so etwas passiert jedem Hersteller hin und wieder. Doch am selben Tag folgten zwei weitere Defekte. „And that was like, you don’t know what’s going on now“, sagt Beirer. Übersetzt: „Und dann war es so, dass man nicht mehr wusste, was eigentlich los ist.“
Nach seinen Worten verlor KTM in einem bestimmten Zeitraum insgesamt sieben Motoren. Acosta kam dabei vergleichsweise glimpflich davon: „With Pedro, we were actually a little luckier than with Brad. I think in Pedro’s case, we ultimately only lost one.“ Auf Deutsch: „Bei Pedro hatten wir eigentlich etwas mehr Glück als bei Brad. Ich glaube, bei Pedro haben wir am Ende nur einen verloren.“

Welches Bauteil war an den KTM-Motoren defekt?
Betroffen war ein hoch belastetes Bauteil im Antriebsstrang, das KTM von einem externen Zulieferer bezieht und das nicht den geforderten Qualitätsvorgaben entsprach. Um welches Teil es sich genau handelt, hat KTM bisher nicht öffentlich gemacht.
Auf die Spur kam das Team über seine alten Motoren. Nach Mugello wusste niemand mehr, welchen Triebwerken man noch trauen konnte. KTM holte deshalb ältere Motoren mit vielen Kilometern zurück. Gerade diese hohe Laufleistung lieferte den entscheidenden Hinweis, denn die Schäden traten ungewöhnlich früh auf. „Something must have been like glass or crystal, because it happened after around 50 to 100 kilometers. So it was clear that there is something in there that was not normal“, erklärt Beirer. Übersetzt: „Irgendetwas muss wie Glas oder Kristall gewesen sein, denn es passierte nach etwa 50 bis 100 Kilometern. Also war klar, dass da etwas drin ist, das nicht normal war.“
Beirer beschreibt den Fehler auch sehr anschaulich. An einer Stelle, an der eigentlich eine Verbindung mit einer Schweißnaht hätte sein müssen, war nach seinen Worten nur Luft. Schon beim Rennen am Sachsenring hatte er öffentlich von einem Problem mit einem zugekauften Teil gesprochen. Später wurde der Fehler als Qualitätsmangel an einem stark beanspruchten Bauteil eingeordnet.
Warum konnte KTM die Motoren nicht einfach öffnen?
In der Saison 2026 gilt der sogenannte Engine Freeze, also ein Entwicklungsstopp für die Motoren. Ducati, Aprilia und KTM fahren mit der homologierten, also offiziell abgenommenen Motorspezifikation aus der Saison 2025, und die Motoren sind versiegelt.
Grundsätzlich darf an diesen Motoren nichts verändert werden. Ausnahmen sind nur aus Gründen wie Sicherheit oder Zuverlässigkeit möglich, und auch nur dann, wenn daraus kein Leistungsgewinn entsteht. Genau das machte die Fehlersuche so schwer. „Besides our other problem at home, this for me was the most horrible time in the MotoGP project“, sagt Beirer. Auf Deutsch: „Neben unserem anderen Problem zu Hause war das für mich die schlimmste Zeit im MotoGP-Projekt.“ Das Team habe die Kontrolle komplett verloren und zunächst keine Möglichkeit gehabt, zu reagieren. Man dürfe nicht einmal ein einzelnes Teil anfassen.
Im normalen Rennbetrieb gibt es für solche Fälle einen einfachen Weg: zurück zum letzten funktionierenden Stand. Diesen Ausweg gab es hier nicht. „You don’t understand it and you don’t know where to start. If you tune and you break things, you want to go one step back. But here, there was no step back“, sagt Beirer. Übersetzt: „Du verstehst es nicht und weißt nicht, wo du anfangen sollst. Wenn du etwas abstimmst und dabei Dinge kaputtgehen, willst du einen Schritt zurückgehen. Aber hier gab es keinen Schritt zurück.“
Dazu kam ein weiteres Hindernis. Solange die Ursache unklar war, konnte KTM die anderen Hersteller gar nicht um Erlaubnis bitten, weil niemand wusste, was eigentlich getauscht werden sollte. Erst als das Problem verstanden war, stellte KTM den Antrag.

Was mussten die anderen Hersteller vor der Freigabe sehen?
KTM musste den Konkurrenten ungewöhnlich viele Details offenlegen, darunter Angaben zum Zulieferer, Seriennummern, Chargennummern und Röntgenbilder. Nur so ließ sich belegen, dass es um die Behebung eines Fehlers ging und nicht um einen Vorteil im Wettbewerb.
Zustimmen mussten alle Hersteller, und das geschah nicht auf einen Schlag. Mitte Juli hatte zunächst nur Aprilia seine Unterstützung signalisiert. Beirer zeigt Verständnis für die Zurückhaltung der übrigen Werke: „I think it’s very normal because you are suspicious somebody wants to open engine. Then you go, ‚what do they want to do‘.“ Auf Deutsch: „Ich finde das ganz normal, weil man misstrauisch ist, wenn jemand einen Motor öffnen will. Dann fragt man sich: ‚Was wollen die denn machen?'“
Die Freigabe hing am Ende an drei Punkten. KTM musste nachweisen, dass ein Qualitätsmangel und keine Änderung an der Konstruktion vorlag, dass sich das Problem nicht durch weniger Leistung lösen ließ und dass ein Sicherheitsrisiko bestand. Auf die Frage, ob er um die Sicherheit der Fahrer gefürchtet habe, antwortete Beirer mit einem klaren Ja. Manche Informationen musste KTM erst beim Zulieferer anfordern. Der Zeitunterschied zu diesem Lieferanten sorgte für zusätzliche Verzögerungen. Beirer sieht die Nachfragen der Konkurrenz trotzdem nicht als Schikane. „For me, it was completely fine. There was not one stupid question“, sagt er. Übersetzt: „Für mich war das völlig in Ordnung. Es gab keine einzige dumme Frage.“
Zwischen dem Sachsenring und Silverstone, also während der Sommerpause, kam schließlich die Zustimmung aller Hersteller. Die Teamvereinigung IRTA war in den Ablauf eingebunden und überwachte die Arbeiten. Beirer bedankt sich ausdrücklich bei der Konkurrenz: „I’m really thankful. And this is perhaps the best place to also say thank you to all the manufacturers for giving us the green light.“ Auf Deutsch: „Ich bin wirklich dankbar. Und das ist vielleicht der beste Ort, um auch allen Herstellern dafür zu danken, dass sie uns grünes Licht gegeben haben.“
Warum hat KTM nicht einfach die Drehzahl gesenkt?
Nach Beirers Aussage war das Problem dafür schlicht zu groß. KTM setzte stattdessen auf die älteren Motoren mit hoher Laufleistung, von denen man wusste, dass sie deutlich mehr aushalten.
„The problem was too big, so we really had to switch to these older engines where we knew they could go much more. That was more effective than reducing RPM“, erklärt Beirer. Übersetzt: „Das Problem war zu groß, also mussten wir wirklich auf diese älteren Motoren umsteigen, bei denen wir wussten, dass sie viel mehr aushalten. Das war wirksamer, als die Drehzahl zu senken.“
Die Folgen waren trotzdem auf der Strecke zu sehen. KTM musste zeitweise mit weniger Motorleistung fahren, besonders deutlich wurde das in Mugello. Fahrer und Beobachter berichteten danach von fehlendem Tempo auf den Geraden. Vor dem Rennwochenende in Misano kursierte das Gerücht, dass die KTM-Piloten dort 500 Umdrehungen pro Minute zurückbekommen sollen. Offiziell bestätigt wurde das nicht.

Sieben Motoren in Munderfing überholt
Nach der Freigabe konnte KTM endlich handeln. Im Motorenwerk in Munderfing wurden insgesamt sieben Motoren geöffnet. Die fehlerhaften Bauteile wurden getauscht, danach wurden die Triebwerke wieder versiegelt und zurück in den Motorenpool gegeben.
Damit endete die Phase, in der KTM das Problem zwar kannte, aber nicht eingreifen durfte. Die verlorenen Motoren belasten die Planung für den Rest der Saison trotzdem. Brad Binder hatte bis Ende August bereits drei Motoren aus seinem Kontingent verloren, und auch die übrigen KTM-Fahrer müssen mit kleineren Reserven auskommen. Das kann bedeuten, dass einige der verbliebenen Motoren länger eingesetzt werden müssen als geplant, was Leistung kosten kann.
Wie hat sich Acosta nach der Reparatur entwickelt?
Seit dem Aragon-GP stand Pedro Acosta bei jedem Rennen auf dem Podium. Zuletzt feierte er in Spielberg seinen ersten Sieg in der MotoGP.
Vor dem Rennen in Misano lag der Spanier auf Rang sechs der Weltmeisterschaft. Beirer sieht in der Entwicklung ein Zeichen, dass KTM dort weitermacht, wo die Probleme begonnen hatten. „I was really happy that Pedro actually picked up in Aragon, maybe where we left off in Barcelona“, sagt er. Auf Deutsch: „Ich war wirklich froh, dass Pedro in Aragon wieder angeknüpft hat, vielleicht dort, wo wir in Barcelona aufgehört hatten.“ Bis zu diesem Rennen habe es viel Hoffnung gegeben. „We were getting closer and closer, and then this whole thing happened. I hope that from now on we can return to a normal scenario.“ Übersetzt: „Wir kamen immer näher heran, und dann ist diese ganze Sache passiert. Ich hoffe, dass wir ab jetzt zu einem normalen Zustand zurückkehren können.“

Wie will KTM die Kosten in der MotoGP senken?
KTM-CEO Gottfried Neumeister schlägt einen einheitlichen Kraftstoff von einem einzigen Lieferanten für alle Teams vor. Sparen will er dort, wo die Zuschauer davon nichts merken.
Hintergrund ist die geplante Ein-Motorrad-Regel für 2027, bei der jeder Fahrer nur noch eine Maschine bekommen sollte. Ducati und Aprilia sollen dafür gewesen sein und KTM, Honda und Yamaha angeblich beinahe überzeugt haben. Für eine Einführung hätten alle fünf Hersteller zustimmen müssen. Berichten zufolge scheiterte der Vorschlag am Widerstand von KTM. Aus Sicht des Herstellers soll die Show im Mittelpunkt bleiben, und Sparmaßnahmen dürfen das Spektakel auf der Strecke nicht beeinträchtigen.
Neumeister sieht einen Ansatzpunkt bei der anstehenden Umstellung auf zu 100 Prozent nachhaltigen Kraftstoff. Statt dass jeder Hersteller eine eigene Lösung entwickelt, soll ein Lieferant den Sprit für alle bereitstellen. Beim Österreich-GP in Spielberg sagte er, er habe Verständnis für Liberty Media und Dorna, weil nicht nur die Hersteller nach mehr Geld rufen könnten. Auch die Werke müssten ihren Beitrag leisten. Eine Kostengrenze hält er für naheliegend, wenn kein zusätzliches Geld zu holen ist. „What benefit do you lose if you have one fuel supplier and everybody works with the same basis and we are still challenged to squeeze more out of it?“, fragt Neumeister. Auf Deutsch: „Welchen Vorteil verliert man, wenn es einen Kraftstofflieferanten gibt, alle mit der gleichen Grundlage arbeiten und wir trotzdem gefordert sind, mehr herauszuholen?“
Er spricht auch darüber, dass jeder Hersteller ohnehin einen Partner für nachhaltigen Kraftstoff brauche. Das sei mühsam und koste viel Geld. Deshalb ergebe es Sinn, einen Bereich zu vereinheitlichen, der die Show nicht beschädigt und den man von außen nicht einmal sieht.
Wie steht KTM wirtschaftlich zum MotoGP-Projekt?
Neumeister schließt einen Verkauf des MotoGP-Teams aus, auch einen teilweisen. Nach der Finanzkrise ist KTM nach seinen Angaben wieder in der Gewinnzone.
Im zweiten Quartal erreichte das Unternehmen laut Neumeister beim operativen Ergebnis vor Zinsen und Steuern, dem sogenannten EBIT, die Gewinnschwelle. Das sei das erste Mal seit fast zwei Jahren gewesen. Im ersten Halbjahr verkaufte KTM fast 100.000 Motorräder. Mit Dorna hat der Hersteller einen neuen Fünfjahresvertrag für die kommende Ära mit 850 Kubikzentimetern Hubraum unterschrieben. Den MotoGP-Titel nennt Neumeister als einen der wenigen Titel, die KTM noch nicht gewonnen hat.
Auch die schwierige Zeit ohne ausreichendes Budget spricht er offen an. Damals sei es kaum möglich gewesen, überhaupt neue Teile zu entwickeln. Für die Fahrer äußert er Verständnis: „I have really great sympathy for our riders. It was not their fault, and it was not their thing, it was our own KTM thing which we had to solve.“ Übersetzt: „Ich habe wirklich großes Verständnis für unsere Fahrer. Es war nicht ihre Schuld und nicht ihre Sache, es war unsere eigene KTM-Angelegenheit, die wir lösen mussten.“
Die restlichen Rennen der Saison 2026 sind für KTM damit auch ein Abschluss. Ab 2027 beginnt in der MotoGP die neue Ära mit 850 Kubikzentimetern und Pirelli-Reifen, und KTM tritt mit einer komplett neuen Fahrerbesetzung an. Im Werksteam sollen dann Alex Marquez und Fabio Di Giannantonio fahren, bei Tech3 Luca Marini und Rookie Senna Agius.

Häufige Fragen
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Was war die Ursache der KTM Motorenkrise 2026?
Ursache war ein hoch belastetes Bauteil im Antriebsstrang von einem externen Zulieferer, das nicht den Qualitätsvorgaben entsprach. Die Teile versagten schon nach etwa 50 bis 100 Kilometern. Nach Aussage von Pit Beirer fehlte an einer Stelle die vorgesehene Verbindung mit Schweißnaht.
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Wie viele Motoren hat KTM 2026 verloren?
Laut Pit Beirer gingen in einem bestimmten Zeitraum insgesamt sieben Motoren kaputt. Bei Pedro Acosta war es nur einer, Brad Binder hatte bis Ende August drei Motoren aus seinem Kontingent verloren. Nach der Freigabe wurden sieben Motoren in Munderfing geöffnet und überholt.
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Warum durfte KTM die MotoGP-Motoren nicht öffnen?
Weil in der Saison 2026 der Engine Freeze gilt und die Motoren versiegelt sind. Ein Eingriff ist nur aus Sicherheits- oder Zuverlässigkeitsgründen und mit Zustimmung aller Hersteller erlaubt. Diese Zustimmung kam zwischen dem Sachsenring und Silverstone.
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Warum ist Acosta in Barcelona ausgefallen?
Grund war ein kurzer Ausfall des Steuergeräts, nicht der später gefundene Motordefekt. Die ECU schaltete für einen Moment ab und funktionierte danach wieder normal. Bei der Ursachensuche half Magneti Marelli.
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Was schlägt KTM zur Kostensenkung in der MotoGP vor?
KTM-CEO Gottfried Neumeister schlägt einen einheitlichen Kraftstoff von einem einzigen Lieferanten vor. Anlass ist die Umstellung auf zu 100 Prozent nachhaltigen Kraftstoff. Eine Ein-Motorrad-Regel für 2027 lehnte KTM dagegen ab.










